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Full text of "Traum und Mythus. Eine Studie zur Völkerpsychologie"

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Digr . V.ie>UglL UNIVERSITV OF WISCONSIN 



SCHEIFTEK ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PbOF. Dr. SIGM. FREUD 

VIERTES HEFT 



TRAUM UND MYTHUS. 

EINE STUDIE ZUR VÖLKERPSYCHOLOGIE 

TON 

Db. KARL ABRAHAM, 

ARZT IN BERLIN. 



„ . . . . Es f^ibt Icetnen Zofall; 
und was uns blindee Olingeflbr nur dünkt, 
Gerade das steigt aus den tiefBten Quellen," 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 



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Dig.: . V.ie>UglL UNIVERSITV OF WISCONSIN 



Terlags-Nr. 1517. 



K. u. K. BafbucbdmckeTe) Kail FTOcbaeka in Teaclica. 



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M\Y ' ... ; 
BUB 



I, Objekte und Gesichtspunkte der psychoanalytischen 
Forschung nach Freud. 

Die psychologischen Theorien, welche sieh an den Namen 
S. Freuds knüpfen, erstrecken sich auf eine Reihe von Ge- 
bieten des menschlichen Seelenlebens, die dem äußeren An- 
schein nach wenig Beziehungen zueinander haben, F r e u d ist 
in den gemeinsam mit J. Breuer veröffentlichten »Studien 
über Hysterie« (1895) von krankhaften psychischen Er- 
scheinungen ausgegangen. Die fortschreitende Ausbildung der 
psychoanalytischen Methode erforderte ein eingehen- 
des Studium der Träume,^) Es zeigte sich weiter, daß zum 
vollen Verständnis dieser Phänomene die vergleichende Be- 
trachtung gewisser anderer Phänomene herangezogen werden 
mußte. Freud sah sieh dadurch veranlaßt, immer weitere 
Gebiete des normalen und krankhaften Seelenlebens in den 
Bereich seiner Forschungen zu ziehen. So entstanden die in 
der Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre« (1906) 
vereinigten Arbeiten über Hysterie, Zwangsvorstellungen und 
andere psychische Störungen, ferner die Monographie über 
den "Witz (1905), die »Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905) 
und neuerdings die psychologische Analyse eines Dichter- 
werkes, ä) welche das erste Heft dieser Sammlung bildet, 
Freud gelangte dazu, dies© scheinbar heterogenen Produkte 
der menschlichen Psyche unter gemeinsamen Gesichtspunkten 
zu betrachten. Ihnen allen sind gemeinsam die Beziehungen 
zum Unbewußten, zum Seelenleben der Kindheit und zur 
Sexualität; gemeinsam ist ihnen die Tendenz, einen Wunsch 
des Individuums als erfüllt darzustellen; gemeinsam sind die 
Kittel der Darstellung, deren sie sieh zu diesem Zwecke bedienen. 



') Die Traum deutUQg. Wieo und Leipzig 1900. (8. Aufl. 1909). 
*) »Der Wabn und die Trfiume in W. Jenaens »Gradiva«. Wien und 
Leipzig 1907. 

Abraham, Traum und llfjthuB. 1 



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TRAUM 



Wer mit Freuds Schriften und mit denjenigen seiner An- 
hänger nicht bekannt ist, wird erstaunt sein, daß man ernstlich ^ 
versucht, alle jene Gebilde unter denselben Gesichtspunkten 
nebeneinander zustellen. Er wird fragen, waa für Beziehungen der 
Witz zum Unbewußten habe. Er wird bezweifeln, daß eine 
Krankheit eine Wunscherfüllung für den Kranken, der unter 
ihr leidet, enthalten könne, und er wird nicht begreifen, wie | 
man sie gar in dieser Hinsicht mit einer Dichtung in Paral- 
lele setzen will. Er wird nicht verstehen, welche allgemeinen , 
Beziehungen zwischen den Träumen des Erwachsenen und der 
Psyche des Kindes herrschen sollen. Er wird sich, und dies 
vielleicht am meisten, dagegen auflehnen, daß man allen jenen 
psychologischen Phänomenen Beziehungen zur Sexualität zu- 
schreibt. So scheinen die von Freud aufgestellten Lehren 
voll von Widersprüchen und Absurditäten zu sein ; sie sehei- 
nen Einzelbefunde kritiklos zu verallgemeinern. Folglich wird 
man auch geneigt sein, die Forschungsmethode, mit deren Hilfe 
Resultate wie die obigen erzielt werden, a limine 2u verwerfen.*) 

Wollte ich hier sofort eine Beantwortung der verschie- 
denen Einwände versuchen, so könnte ich eine ausführliche ' j 
Darstellung der gesamten Lebren Freuds nicht umgehen und 
müßte damit den Rahmen dieser Schrift erheblich über- j 
schreiten. Es wird sich im Laufe unserer Untersuchung Ge- 
legenheit bieten, die meisten und wichtigsten Probleme, welchen 
Freud seine Arbeit gewidmet hat, zu berühren. Einstweilen 
genüge ein Hinweis : Die sämtlichen psychischen Phänomene, 
welche wir oben nebeneinander gestellt haben, sind Pro- 
dukte der menschlichen Phantasie. Man wird die 
Vermutung, daß sie als solche gewisse Analogien untereinan- 
der aufweisen könnten, nicht ohne weiteres von der Hand weisen. 

Es gibt nun außer den Produkten der Individual- 
phantasie auch solche, welche nicht der Phantasie eines Ein- 

^) Dies ist etwa der Standpunkt, den die medizinisclie Wissenschaft 
zn Freuds Lehren einaimmt. Es ist zuzugeben, daß die Freud sehen Lehren 
jedem Unbefangenen zunächst befremdlich erscheinen müssen. Es soll betont | 

werden, daß eine breite Kluft sie von der traditionellen Psychologie trennt \ 

Das sollt© jedoch kein Grund sein, sie mit einem Achselzucken oder ein paar 
witzelnden Schlagworten abzutuü, wie das seitens der Kritit geschieht. 



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UND MYTHUS. 



zelnen zugeschrieben werden können. Ich begnüge mich an 
•dieser Stelle damit, als Gebilde solcher Art Mythfin und 
Märehen zu nennen. Wir wissen nicht, wer sie geschaffen, 
wer sie zuerst erzählt hat. Sie sind von Generation zu Gene- 
ration überliefert worden und haben dabei mannigfache Zu- 
sätze und Änderungen erfahren. In den Sagen und Märchen 
äußert sieh die Phantasie eines Volkes. Freud hat auch sie 
schon bis zu einem gewissen Grade zum Gegenstand seiner 
Untersuchungen gemacht und in mehrfacher Hinsicht psycho^ 
logische Analogien zwischen ihnen und den Werken der Indi- 
vidualpha nta sie aufgedeckt. Neuerdings ist ein anderer Autor 
seinen Spuren gefolgt. Riklin*) hat die psychologische Ana- 
lyse von Märchen verschiedener Völker durchgeführt. Die 
vorliegende Schrift stellt nun den Versuch dar, den Mythus 
mit Phänomenen der Individualpsychologie, insbesondere mit 
dem Traume, zu vergleichen. Sie soll den Nachweis erbringen, 
daß Freuds Lehren sich in weitem Umfange auf die Psycho- 
logie des Mythus übertragen lassen, ja geeignet sind, für das 
Verständnis der Sagen einen ganz neuen Boden zu schaffen.') 

I[. Die Kindheltsphatitasien im Traume und im Mythus. 
Übertragung der Wunsclittieorle auf den Mythus. 

Einigen nahe liegenden Einwänden prinzipieller Art, 
welche gegen das geplante Unternehmen vorgebracht werden 
dürften, will ich gleich hier zuvorkommen. Man wird ein- 
wenden, der Mythus entstamme einer im Wachen arbeitenden 
Phantasie, während der Traum dem Schlafe, also einem Zu- 
stand von Herabsetzung des Bewußtseins, seine Entstehung 



*)■ Die angokündigte Arbelt Ton Riklin: iWünaeherfüllung und Sym- 
bolik im Märehen« (Bd. i dieser Sammlung) erschien nach Abschluß meiner 
Arbeit, Ich konnte daher nur eine kurae vorläufige Mitteüung des Autors 
(Psychiatr.-neurol, Woehengchrlftj 1907, Nr. 22 — 24) benutzen. 

*) Ebenfalls nach Vollendung der vorli^enden Abhandlung erschien 
ein AujBatz Freuds (»Der Dichter und das Phantasieren*, Neue Revue, 
3. Märaheft 1908), der die Grundidee meiner Arbeit in kurzer Form zum 
Ausdruck bringt. (»Es iat von den Mythen durchaus wahrscheinlich, daß sie 
den entstellten tjberreßten von Wunach phttntaaien ganzer Nationen, den 
SätularträumGn der jungen Menschheit enteprecheu.-»:) 



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TRAUM 



verdanke. Genauere Betrachtung zeigt aber, daß hier keines- 
.wegs ein prinzipieller Unterschied besteht. Wir träumen nicht 
I nur im Schlafe ; es gibt auch Waehträume, In diesen versetzen 
wir uns in eine nicht wirkliche Situation und formen die 
I Welt und unsere Zukunft nach unseren Wünschen. Daß die 
gleiche Tendenz dem nächtlichen Traume innewohnt, wird 
r sich uns sehr bald ergeben. Manche Mensehen neigen in auf- 
jf fälligem Grade zur Tagträumerei ; man sieht ihnen die Ver- 
sunkenheit an. Unmerkliche Übergänge führen hier zu einer 
krankhaften Phantasietätigkeit hinüber, Kinder geben sich 
solchen traumartigen Phantasien besonders gern hin. Der 
Knabe ist in seinen Wachträumen König eines großen Reiches 
und siegt in blutigen Schlachten ; oder er tut sich als Indianer- 
häuptling oder in irgend einer anderen Weise hervor. Patho- 
logische Grade von Traumversunkenheit im Wachen sind auch 
bei Kindern nichts Seltenes, Schon daraus sehen wir, daß 
zwischen Tagesphantasien und Träumen keine scharfe Grenze 
zu ziehen ist. Wir wissen aber weiter aus Freuds Untersuchun- 
gen, daß die Traumgedanken nicht während des Traumes ent- 
stehen, sondern im Wachen vorgebildet werden. Im Traume 
erhalten sie nur eine Form, die von derjenigen abweicht, in 
welcher wir gemeinhin unsere Gedanken auszudrücken pflegen. 
Ein anderer Einwand, welcher ebenfalls nur eine schein- 
bare Berechtigung hat, eignet sich dazu, den Ausgangspunkt 
unserer weiteren Betrachtungen zu bilden. Man wird darauf 
hinweisen, daß der Traum ein individuelles Produkt sei, 
während im Mythus gewissermaßen der Gesamtgeist eines 
Volkes niedergelegt sei. Man wird den Vergleich daher un- 
statthaft finden. Dieser Einwand ist leicht zu widerlegen. 
Wenn auch der Traum aus Regungen des Individuums ent- 
springt, so gibt es eben auch solche Regungen, welche all- 
gemein menschlich sind. Diese äußern sich in den von Freud 
so genannten »typischen« Träumen. Es ist Freud gelungen. 
Diese Gruppe von Träumen auf gewisse, allen Menschen ge- 
meinsame Wünsche zurückzuführen, zugleich aber auch 
nachzuweisen, daß die nämlichen Wünsche gewissen Mythen 
zu Grunde liegen. Freuds Ausführungen über die typischen 
Träume können daher als Basis für unsere Untersuchungen 



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UND MYTHUS. 



dienen. Doch auch sonst empfiehlt es sich für unsere Zwecke, 
die Analyse der typischen Traxime zum Ausgangspunkte zu 
nehmen. Sie geben uns Gelegenheit, auf die Wunsch theorie 
des Traumes einzugehen. Außerdem bieten sie, wie sich zeigen 
wird, in gewisser Hinsicht einfachere Verhältnisse dar als die 
meisten anderen Traume.*) 

Nach Freuds Theorie liegt jedem Traume ein ins Un- 
bewußte verdrängter^ Wunsch zu Grunde. Jedem Mensehen be- 
gegnen Erlebnisse, deren er sich fortan nie mehr ohne ein 
lebhaftes Unlustgefühl zu erinnern vermag. Er sucht solche 
Reminiszenzen aus seinem Bewußtsein auszuschalten. Sie völlig 
aus dem Gedächtnis auszulöschen, vermager nicht; er kann 
sie nur ins Unbewußte verdrängen. Die verdrängten Kr- 
innerungen und die mit ihnen zusammenhängenden Wünsche 
sind anscheinend vergessen; d. h. sie sind der spontanen 
Erinnerung entzogen. Sobald aber die Funktion des Bewußt- 
seins irgendwie beeinträchtigt ist, wenn die Phantasie an 
Stelle des logisch geordneten Denkens tritt, wie dies im Wach- 
traume, im Traume und unter den verschiedensten pathologi- 
schen Verhältnissen der Fall ist, dann wird das verdrängte 
psychische Material wieder frei. In den Träumen und in den 
Symptomen gewisser psychischer Störungen kommen nun die 
verdrängten Wünsche wieder zur Geltung, Ihre einstmals er- 
hoffte, aber ausgebliebene Erfüllung wird jetzt in der Phan- 
tasie dargestellt. Daß ein wichtiger Teil der verdrängten 
Wünsche der Kindheit entstammt, ist eine von Freud nach- 
gewiesene Tatsache, auf die wir später zurückkommen müssen. 
Für jetzt genügt es uns festzuhalten, daß nach Freuds An- 
schauung der Traum die Erfüllung eines verdrängten Wunsches 
darstellt, und daß die tiefsten Wurzeln dieses Wunsches in 
der Kindheit des Träumers liegen. 

Für die typischen Träume ist nach Freud ihre Her- 
kunft von infantilen Reminiszenzen ganz besonders zu be- 



') Ein fernerer, anscheinend selir wesentlicher Einwand gegen die ge- 
plante Neheueinandersteälnng von Traum und Mythus wird sich auf die all- 
mähliche Entstehung der Mjtlien durch viele Generationen beziehen, während 
der Traum ein flüchtiges, iuralebigea Gehilde zu sein scheint. Dieaer Ein- 
wand wird im Laufe der üntersuehuüg seine Erledigung finden. 



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TBAUM 



tonen. Außerordentlich instruktiv sind in dieser Hinsicht die- 
jenigen Träume, welche vom Tode naher Angehöriger handeln. 
Diese Träume scheinen auf den ersten Blick der Freud- 
schen Anschauung, daß jeder Traum eine Wunscherfüllung 
enthalte, strikt zu widersprechen. Wohl jeder, der einmal 
vom Tode eines nahen Angehörigen, den er liebte, geträumt 
hat, wird sich energisch zur Wehr setzen, wenn man an- 
nimmt, er habe den Tod jenes Angehörigen gewünscht und 
diesen geheimen Wunsch im Traume zum Ausdruck gebracht. 
Er wird auch betonen, daß der Traum von den peinlichsten 
Gefühlen, von Angst und Schrecken begleitet gewesen sei und 
somit etwa eine Befürchtung, sicher aber keinen Wunsch zum 
Ausdruck bringe. 

Die Theorie spricht aber keineswegs nur von aktuellen 
Wünschen, sondern hebt mit großem Nachdruck die Bedeu- 
tung der frühen, infantilen Regungen hervor. Träumt also 
jemand vom Tode eines teuren Verwandten, so ist daraus 
nach Freuds Lehre keineswegs der Schluß zu ziehen, der 
Träumer habe jetzt einen derartigen Wunsch ; er braucht 
ihn nur zu irgend einer vielleicht weit zurückliegenden Zeit 
gehabt zu haben. Freilich wird auch dies nicht leicht einer 
zugeben. 

Das Kind ist bis zu einem gewissen Alter, das nach 
Individuen erhebliche Verschiedenheiten aufweist, noch frei 
von altruistischen Regungen. Es lebt in einem naiven Egois- 
mus. Es ist durchaus irrtümlich, anzunehmen, die Gefühle 
des Kindes seinen Eitern und Geschwistern gegenüber seien 
von Anfang an Gefühle der Zuneigung. Im Gegenteil ist unter 
Geschwistern stets eine gewisse Konkurrenz vorhanden. Das 
bisher ein7ige Kind zeigt deutliche Eifersucht, wenn das 
zweite geboren ist und seiner Hilflosigkeit wegen mit Sorg- 
falt gepflegt wird. Es ist etwas ganz Gewöhnliches, daß ein 
Kind dem Jüngeren die Flasche mit Milch nicht gönnt, daß 
seine Eifersucht sich regt, wenn es den neuen Ankömmling 
auf dem Schöße der Mutter sitzen sieht, wo bisher nur sein 
eigener Platz war. Es neidet ihm sein Spielzeug, es hebt die 
eigenen Vorzüge hervor, wenn es zu Erwachsenen von dem 
Jüngeren spricht. Das jüngere Kind reagiert, sobald es dazu 



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UND MYTHUS. 



im gtande ist, in ebenso egoistischer Weise. Es sieht in dem 
älteren den Unterdrücker und sticht sich so gut zu tielfen, 
wie der Schwächere es vermag. Unter normalen Verhältnissen 
verschwinden diese Gegensätze allmählich zu einem großen 
Teil. Ganz auszurotten sind sie nie, trotz aller Erziehungs- 
maBregeln. 

Biese feindseligen Impulse des Kindes gegen das andere 
finden ihren Ausdruck in dem Wunsche, das andere möge 
tod sein. Natürlich wird man bestreiten, daß ein Kind so 
»schlecht« sei, dem anderen den Tod zu wünschen. »Wer so 
spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom 
fTodsein' mit der un^erigen das Wort und dann nur noch 
wenig anderes gemein hat» (Freud). Das Kind hat keine 
klare Vorstellung vom Tode eines Menschen. Es hört vielleicht, 
dieser oder jener Verwandte sei gestorben, sei tot. Für das 
Kind heißt das nur: jene Person ist nicht mehr da. Wie 
leicht das Kind die Abwesenheit einer geliebten Person ver- 
windet, lehrt die tägliche Erfahrung, Es streckt vielleicht die 
Hände nach der Richtung, in welcher die Mutter fortgegangen 
ist, es weint eine Weile ^ dann tröstet es sich mit Spielen 
oder Essen und erinnert sich spontan nicht mehr an die 
Fortgegangene. Auch ältere Kinder von normaler psychischer 
Konstitution verwinden die Trennung leicht. Im frühen Älter 
Identifiziert das Kind Todsein mit Abwesenheit. Es kann sich 
auch nicht vorstellen, daß jemand, von dessen Tode ihm er- 
zählt wird, nun gar nicht mehr wiederkommt. Wir verstehen 
nun, wie ein Kind in aller Harmlosigkeit den Tod des anderen 
(oder sonst einer Person) wünscht. Jenes ist sein Konkurrent ; 
wäre es nicht da, so wäre der AnlaJß zu Konkurrenz und 
Eifersucht beseitigt. 

Zwischen Bruder und Schwester wird dieses Konkurrenz- 
verhältnis leichter gemildert als zwischen Geschwistern gleichen 
Geschlechtes, gemildert durch die sexuelle Anziehung. Mit 
diesem Punkte haben wir uns später noch zu beschäftigen. 

Neuer Widerspruch erhebt sich, wenn wir auch das Ver- 
hältnis des Kindes zu den Eltern unter dem obigen Gesichts- 
punkte betrachten. Wie kann man auch annehmen, das Kind 
wünsche dem Vater oder der Mutter den Tod? Man wird 



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TKAUM 



dies höchstens für solche Fälle zugeben, in denen das Kind 
von den Eltern mißhandelt wird, aber man wird hinzufügen, 
das seien glücklicherweise Ausnahmefälle, deren Verallge- 
meinerung nicht zulässig sei. 

Die Träume vom Tode des Vaters oder der Mutter, wie 
sie jedem Menschen vorkommen, enthalten die gesuchte Auf- 
klärung. Freud weist darauf hin, daß »die Träume vom 
Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des Eltern- 
paares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom 
Tode der Mutter träumt«. Freud erklärt dieses Verhalten 
zum Teil aus einer frühzeitigen sexuellen Vorliebe des Sohnes 
für die Mutter, der Tochter für den Vater. Aus dieser Vor- 
liebe ergibt sich eine gewisse Konkurrenz des Sohnes mit 
dem Vater um die Liebe der Mutter, und eine ebensolche 
zwischen Tochter und Mutter um die Liebe des Vaters. Der 
Sohn lehnt sich früher oder später gegen die patria potestas 
auf, in dem einen Falle offen, im anderen nur innerlich. Zu 
gleicher Zeit hütet der Vater diese seine Gewalt vor dem 
heranwachsenden Sohne. Ein ähnliches Verhältnis besteht 
zwischen Mutter und Tochter. So sehr der Kulturmensch 
auch durch Pietät gegen die Eltern, durch Liebe zu den 
Kindern dieses Konkurrenzverhältnis mildert oder umwandelt, 
80 vermag er seine Spuren doch nicht auszulöschen. Im gün- 
stigsten Falle werden jene Tendenzen ins Unbewußte ver- 
drängt. Gerade dann äußern sie sieh in Träumen. Kinder, 
welche zu nervösen oder psychischen Erkrankungen dispo- 
niert sind, zeigen schon früh eine üb er seh w angliche Liebe 
oder eine überstarke Ablehnung gegen die Eltern oder den 
einen Teil derselben. In ihren Träumen zeigen sich jene 
Tendenzen besonders deutlich, nicht weniger aber in den 
^ Symptomen ihrer späteren Krankheit. Freud gibt sehr in- 
struktive Beispiele dieser Art. ^) Er erzählt unter anderem 
von einem geisteskranken Mädchen, das zuerst in einem Ver- 
wirrtheitszustand heftigen Widerwillen gegen die Mutter 
äußerte. Als die Patientin klarer wurde, träumte sie vom 



') Traumdeutung, Seite 1791 



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UND MYTHUa 



Tode der Mutter. Schließlich begnügte sie sieh nicht mehr 
damit, ihre Gefühle gegen die Mutter ins Unbewußte zu ver- 
drängen, sondern sie schritt zur Überkompensierung jenes 
Gefühles durch Bildung der Phobie, d. h. der krankhaften 
Befürchtung, der Mutter konnte etwas zugestoßen sein. Der 
Widerwillen wurde, je mehr die Kranke die äußere Fassung 
wiedergewann, in übertriebene Sorge um das Ergehen der 
Mutter umgewandelt. Ich selbst habe kürzlich einen ganz 
ähnlichen Fall beobachtet. 

Zur Ergänzung sei erwähnt, daß die Träume Erwach- 
sener sich nicht selten um den Tod eines Kindes drehen. 
Schwangere, welche unter ihrem Zustand leiden, erträumen 
einen Abort. Vater oder Mütter, die ihr Kind im wachen 
Zustand zärtlich lieben, träumen unter besonderen Umstän- 
den, es sei gestorben, z, B. wenn das Vorhandensein des 
Kindes die Erreichung eines Zieles durchkreuzt. 

Die typischen Traume enthalten also Wünsche, welche 
wir uns im wachen Leben nicht eingestehen. Im Traumleben 
kommen diese geheimen Wünsche zum Ausdruck. Diese 
vielen oder allen Menschen gemeinsamen Wünsche 
treffen wir nun auch in den Mythen an. Der erste 
uns beschäftigende Vergleichspunkt ist also der gemeinsame 
Inhalt gewisser Träume und Mythen. Wir müssen Freuds 
Ausführungen noch weiter folgen. Denn, wie erwähnt, hat 
er zuerst einen bestimmten Mythus — die Ödipussage ~ 
unter den aus der Traumdeutung gewonnenen Gesichtspunkten 
analysiert. Ich zitiere den folgenden Passus wörtlich nach 
Freud. ^) 

»Ödipus, der Sohn des La'ioe, Königs von Theben, und 
der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel 
dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königs- 
sohn an einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft 
unsicher, selbst das Orakel befragt und von ihm den Rat 
erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines 
Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. 



^) Traumdeutung, Seite 160 f. 



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10 TBAUM 



Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg trifft 
er mit König La'los zusammen und erschlägt ihn in rasch 
entbranntem Streite, Dann kommt er vor Theben, wo er die 
Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank 
dafür von den Thebanern zum König gewählt und mit 
Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit in 
Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten 
Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht, 
welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seiten der 
Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören 
werde, wenn der Mörder des Lalos aus dem Lande getrieben 
sei. Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem 
als in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten 
Enthüllung — der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , 
daß ödipus selbst der Mörder des La!£os, aber auch der 
Sohn des Ermordeten und der Jokaste ist.« 

Die Ödipustragodie vermag uns heutzutage ebenso tief 
zu erschüttern wie die Zeitgenossen des Sophokles, obgleich 
wir deren Anschauung von Göttern und Schicksal, deren 
Glauben an die Orakelsprüche nicht teilen. Freud schließt 
daraus mit Recht, die Fabel müsse etwas enthalten, was in 
uns allen verwandte Gefühle wachrufe. *Uns allen vielleicht 
war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, 
den ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater 
zu richten; unsere Träume überzeugen uns davon.« In der 
ödipustragodie sehen wir unsere Kindheitswünsche erfüllt, 
während wir selbst die sexuelle Zuneigung zur Mutter, die 
Auflehnung gegen den Vater im Verlaufe unserer Entwick- 
lung durch Gefühle der Liebe und Pietät ersetzt haben. 

Wie Freud bemerkt, weist die Tragödie selbst auf den 
typischen Traum hin, in welchem der Träumer sich mit der 
Mutter sexuell vereinigt. Die Stelle lautet in der Über- 
setzung : 

»Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
Sich zugesellt der Mutter.« 

Die Tragödie enthält die Realisierung zweier intim zu- 
sammenhängender Kindhelts- respektive Traumphantasien : Der 



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UND MYTHUS. 11 



Phantasie vom Tode des Vaters und vom LiebeBverhältnis 
mit der Mutter. Die Folgen ihrer Realisierung werden uns in 
ihrer ganzen Furchtbarkeit dargestellt. 

Denselben Konflikt zwischen Vater und Sohn stellt der 
Mythus von Uranos und den Titanen dar. üranos sucht seine 
Söhne zu beseitigen, da er von ihnen eine Beeinträchtigung 
seiner Macht befürchtet. Sein Sohn Kronos nimmt Bache an 
ihm, indem er den Vater entmannt. Gerade die^e Form der 
Rache deutet auf die sexuelle Seite des Konkurrenzverhält- 
nisses hin. Übrigens sucht Kronos sich in der gleichen Weise 
gegen seine Kinder zu sichern : er verschlingt sie bis auf den 
jüngsten Sohn Zeus. Dieser nimmt Rache an ihm, zwingt 
ihn, die Kinder wieder auszuspeien und verbannt dann 
Kronos samt den anderen Titanen in den Tartarus; nach 
anderer Version entmannt auch Zeus seinen Vater. 

111. Die Symbolik in der Sprache und Im Traume sowie 
in den anderen Pliantasiegebilden. 

Die beiden Erzählungen von Ödipus und von Uranus 
und seinen Nachkommen haben nicht nur einen verwandten 
Inhaitj sondern zeigen auch in der äußeren Form eine wich- 
tige Übereinstimmung. Es fehlt ihnen beiden fast gänzlich 
die symbolische Verkleidung. Wir erfahren den Hergang 
mit nackten Worten, Es ist bemerkenswert, daß dieses auch 
für die typischen Träume zutrifft, welche wir zur Erklärung 
jener Mythen herangezogen haben. Auch hier findet sich — 
wie Freud bemerkt — die symbolische Verkleidung in auf- 
fallend geringer Ausbildung, 

Im allgemeinen treffen wir bei der Deutung der Träume 
immer aufs neue auf die Wirkungen einer psychischen In- 
stanz, welche Freud als Zensur bezeichnet hat. Sie wird 
uns später noch eingehend beschäftigen ; hier soll sie nur in 
den wichtigsten Zügen kurz charakterisiert werden. Die 
Zensur duldet nicht, daß unsere geheimen Wünsche sich im 
Traume in ihrer wahren, unverhüllten Gestalt zeigen, son- 
dern sie zwingt zur Verdunkelung der wahren Tendenz des 
Traumes durch die »Traumentstellung«, Zur Umgehung der 
Zensur wird eine sehr umfangreiche *Traumarbeit« geleistet. 



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lä TRAUM 



"Wir werden uns mit ihren Äußerungen später ausführlich be- 
fassen. Kur eine Form der Traumentstellung ^ die sym- 
bolische Verkleidung der Wünsche — muß uns schon jetzt 
beschäftigen- Die oben besprochenen Träume vom Tode des 
Vaters und der sexuellen Gemeinschaft mit der Mutter bilden 
eine auffallende Ausnahme, insofern als hier der Wunsch, 
der uns doch im wachen Zustand verabscheuenswürdig er- 
scheint, ganz offen, ohne symbolische Verkleidung, als erfüllt 
dargestellt wird. Freud erklärt diese Tatsache durch zwei 
Momente. Wir glauben uns von keinem Wunache so fern 
als von diesen Wünschen ; die Zensur ist auf solche Unge- 
heuerlichkeiten daher nicht eingerichtet. Zweitens vermag 
sich der Wunsch sehr leicht hinter der aktuellen Sorge 
um das Leben der geliebten Person zu verbergen. Nun ist 
es höchst interessant, daß auch die Ödipussage und die Sage 
von Kronos und Zeus sehr arm an symbolischen Ausdrucks- 
mitteln sind. Bei wachem Bewußtsein glaubt sich der Mensch 
von den Greueln des Ödipus oder von denjenigen des Kronos an 
seinen Kindern und an seinem Vater unendlich weit entfernt. 

Wir stellen vorläufig fest, daß zwischen gewissen Mythen 
und gewissen Träumen bemerkenswerte Analogien bestehen. 
Es wird nun weiter zu untersuchen sein, ob diesen Analogien 
eine allgemeine Bedeutung zukommt. Die Analyse der meisten 
Mythen — wie die der meisten Träume — ist ersehwert durch 
die symbolische Verkleidung des eigentlichen Inhaltes. Weil 
in der Ödipussage wie in den mit ihr inhaltlich verwandten 
typischen Träumen diese Komplikation fehlt, eignete sie sieh 
besonders gut zur Einführung in die uns interessierenden 
Probleme, 

Weisen die Mythen in ihrer Mehrzahl eine symbolische 
Darstellungsweise auf, so müssen sie in Wirklichkeit etwas 
anderes enthalten oder bedeuten, als die äußere Form be- 
sagt. Sie bedürfen also gleich den Träumen einer 
Deutung. Als Beispiel des symbolisierenden Mythus soll 
uns die Prometheussage dienen. Wir werden diese einem 
der Traumanalyee ähnlichen Deutungsverfahren unterwerfen. 
Die weitere Durchführung des Vergleiches zwischen Traum 
und Mythus soll an der Hand dieses Beispiels geschehen. 



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UND MYTHUS. 13 



Ich weiß, auf welchen Widerspruch ich stoßen werde, 
wenn ich eine Deutung des Mythus naeh dem Vorbild der 
Traumdeutung anstrebe, und wenn ich behaupte, daß hier 
wie dort die gleiche Symbolik herrsche. Es ist Freuds 
großes Verdienst, diese Symbolik erforscht zu haben. Dank 
dieser Forschung haben wir wichtige Beziehungen zwischen 
den wiederholt genannten psychischen Gebilden kennen ge^ 
lernt. Der Wert dieser Erkenntnis, die durch mühevolle 
Untersuchungen gewonnen wurde, wird von der Kritik gänz- 
lich und oft mit Leidenschaft bestritten. Von den Gegnern 
der Freudsehen Lehren wird die Symboldeutung als phan- 
tastisch und willkürlieh verworfen. Freud und seine An- 
hänger sollen förmlich unter dem Zwange einer Autosuggestion 
stehen, die sie alles im Sinne ihrer vorgefaßten Meinung aus- 
legen läßt. Namentlich aber erregen sie das Mißfallen der 
Kritik dadurch, daß sie die Symbolik des Traumes und der 
wesensverwandten Gebilde als den Ausdruck sexueller Vor- 
stellungen auffassen. Keine der Lehren Freuds, so sehr sie 
von der Sehuimeinung abweichen, wird mit solcher Heftig- 
keit angegriffen wie die Deutung der Symbolik. Gerade diese 
ist aber von größter Bedeutung für unseren ferneren Weg. 
Bevor ich deshalb an die Auslegung der Symbole eines ein- 
zelnen Mythus herantrete, will ich diesem Teile meiner Unter^ 
suchung eine möglichst breite Grundlage schaffen. Ich will 
zu diesem Zwecke den Nachweis führen, daß jene von Freud 
erforschte Symbolik tief in jedem Menschen liegt und von 
jeher in der Menschheit gelegen hat. Dabei wird sich er- 
geben, daß es sich vorwiegend um eine sexuelle Symbolik, 
um den Ausdruck sexueller Phantasien handelt. Meine fol- 
genden Ausführungen stützen sich zum Teil auf die wertvollen 
Schriften von Kleinpaul. ^) Auch dieser Autor hat sich ge- 
nötigt gesehen, gegen moralisierende Kritiker Front zu machen. 
Ich zitiere eine darauf bezügliche Bemerkung Kleinpauls:*) 
»Wir möchten nur darauf hinweisen, daß solche (d, h. sexu- 
elle) Phantasien nicht bloß patriarchalischen Zeiten angehören, 

*) Kleinpaul, Leben der Sprache. Ed. 1. Die Rätsel der Sprache. 
Bd. 2. Sprache ohne Worte, Bd. 3. Das Stromgebiet der Sprache. 
*) »Sprache ohne Worte«. Leipzig 1890. Seite 490, 



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U TÄAUM 



WO sie natürlicli waren, sondern bis auf die Gegenwart fort- 
wirkeiif wo man sie als verderbte brandmarkt.« Die sexu- 
elle Symbolik ist, so behaupte ich, eine psychologische Er- 
scheinung, die mit dem Menschen durch Raum und Zeit hin- 
durchgeht. In den Anfängen unserer Kultur tritt sie aufs 
deutlichste hervor, und in weniger krasser, aber immer deut- 
licher Form behauptet sie sich im Seelenleben des Menschen 
bis auf den heutigen Tag. Klein paul sagt es mit einem 
treffenden Ausdruck : »Der Mensch sexualisiert das All.« 

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Anfänge der 
bildenden Künste, so finden wir Darstellungen der mensch- 
lichen Geschlechtsteile in unendlicher Vielfältigkeit, bald mehr 
versteckt, bald in einer Deutlichkeit, die keinen Zweifel auf- 
kommen läßt. Bald sind ihre Formen als dekorativer Schmuck 
verwendet, bald haben Vasen, Krüge und andere Geräte der 
verschiedensten Art die Form der Genitalien. Im Kunst- 
gewerbe der verschiedensten Völker finden wir Gegenstände, 
die nach dem Vorbilde, von dem ihre Form entlehnt ist, auch 
den Namen tragen. Ägyptische, griechische, etruakische und 
römische Gefäße und Geräte sind beredte Zeugen dieser im 
Volke allzeit lebendigen Sexualsymbolik. Betrachten wir die 
Künstwerke und Geräte kulturarmer Völker, so machen wir 
die gleiche Beobachtung — wir mußten sonst die Augen absicht- 
lich schließen. Die Kunstwissenschaft hat hier noch ein großes 
und fruchtbares Arbeitsgebiet vor sich, denn die Beobachtun- 
gen dieser Art sind bisher in der Iiiteratur weit verstreut. 

Eine vielleicht noch gewaltigere Bedeutung nimmt die 
Sexualsymbolik im religiösen Kultus aller Volker ein. Zahl- 
lose Gebräuche stellen eine sexuelle Symbolik dar. Die bei 
vielen Völkern verbreiteten Kulte der Fruchtbarkeit geben 
zur üppigsten Symbolik Anlaß, die sich keineswegs bloß in 
groben Eindeutigkeiten (Phallus ete.) zu äußern braucht. 

Wir brauchen aber nicht einmal so weit abseits von der 
Straße des täglichen Lebens zu suchen. Unsere Sprache 
selbst ist das beste Zeugnis für die Bedeutung, die das Sexu- 
elle im Denken des Menschen zu allen Zeiten besessen hat. 
Alle indogermanischen und semitischen Sprachen besitzen 
(oder besaßen in früherer Zeit) »Geschlechter«. Das ist eine 



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UND MYTHUS. 15 



Tatsache, um die man sich gemeinhin wenig kümmert. Aber 
fragen wir uns doch einmal: warum haben die Wörter in 
unserer Sprache ein männliches und ein weibliches Geschlecht ? 
Warum legt die Sprache leblosen Gegenständen das eine oder 
das andere Geschlecht bei? Ein Teil der indogermanischen 
Sprachen kennt sogar noch ein drittes Geschlecht; ihm wer- 
den die Wörter zugerechnet, welche in den beiden anderen 
Kategorien keinen Platz finden, entweder weil die Phantasie 
vergeblich nach einer sexuellen Analogie sucht oder weil aus 
einem besonderen Grunde die sexuelle Neutralität betont 
werden soll. Freilich ist der Grund, warum ein Gegenstand 
in der Sprache das eine und nicht das andere Geschlecht hat, 
keineswegs immer leicht zu eruieren. Auch ist darauf auf- 
merksam zu machen, daß manches Substantivum in zwei nahe 
verwandten Sprachen nicht selten ein verschiedenes Geschlecht 
hat. Es würde viel zu weit führen, wollten wir auf dieses 
höchst interessante Problem der Sprachwissenschaft genau 
eingehen. Nur auf gewisse Regeln, besonders der deutschen 
Sprache, soll hier verwiesen werden. In der deutschen Sprache 
gehören alle Diminutiva dem neutralen Geschlecht an. Die 
Volksphantasie vergleicht sie mit dem unerwachsenen Men- 
schen. Von kleinen Kindern sagen wir mit Vorliebe »es« und 
behandeln sie als Neutra ; in manchen Gegenden sagt man von 
erwachsenen Mädchen noch »es«, solange sie nur nicht ver- 
heiratet sind. »Mädchen« und »Fräulein« sind Diminutiva und 
daher Neutra, bis sie sich verheiraten I Von den Tieren haben 
manche ganz verschiedene Namen, Je nachdem ob sie männ- 
lich oder weiblieh sind. Andere Tiere werden jedoch, ob 
weiblich ob männlich, einem bestimmten der drei sprach- 
lichen Geschlechter zugerechnet. In gewissen Fällen ist die 
Ursache durchsichtig. Von den Tieren sind diejenigen Mas- 
kulina, bei denen der Mensch Eigenschaften wiederfindet, die 
ihm vom Manne bekannt sind, wie besonders die körperliche 
Kraft, Mut etc. Darum sind die großen Raubtiere und Raub- 
vögel in der Sprache männlich. Die Katze gebrauchen wir 
im allgemeinen als Femininum; ihr schmiegsames Wesen, 
ihre Grazie und Gewandtheit erinnern an weibliche Eigen- 
schaften. Diese Beispiele mögen genügen. 



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16 TRAUM 



Daß auch leblose Wesen in der Sprache sexualisiert 
werden, ist eine noch merkwürdigere Tatsache. Es gibt Ob- 
jekte, die in verschiedenen Sprachen regelmäßig oder doch 
vorzugsweise einem bestimmten Geschlecht zugezählt werden. 
Hier muß eine den verschiedenen Völkern geläufige Sexual- 
eymbolLk vorliegen. So tragen die Schiffe in der deutschen 
Sprache vorzugsweise das weibliehe Geschlecht. Auch die den 
Schiffen gegebeneu Eigennamen gebrauchen wir meist als 
Feminina, selbst wenn sie sonst männlich sind. Sogar die 
englische Sprache, die nur noch Rudimente einer sexuellen 
Differenzierung aufweist, behandelt das Schiff als weiblich; 
nur das Kriegsschiff vergleicht sie mit dem streitbaren Manne 
und nennt es »mau of war« . Bezeichnend für diese Auffassung 
ist, daß wir am Kiel vieler Schiffe eine weibliehe Figur als 
Verzierung finden. »In Seemannsaugen hat das Schiff nicht 
bloß Schultern und Hinterteil, es gleicht auch der Arche, die 
die Keime des Lebens birgt, dem mystischen Kästehen, das 
bei den Festen] der Demeter und des Dionysos von den Frauen 
in Prozession getragen wurde. Es gleicht der Gattin des in- 
dischen Gottes Siwa, es zieht mit dem Mastbaume wie mit 
einem Phallus über das Weltmeer« (Kleinpaul). Es dürfte 
hier wohl noch eine andere Vorstellung mitspielen. Der 
Schiffer lebt oft für lange Zeit getrennt von seinem Weibe, 
während er für dieselbe Zeit an sein Schiff gebunden ist. 
Er lebt mit seinem Schiffe, wie der Landbewohner mit seinem 
Weibe und seiner Familie lebt. So wird das Schiff bildlich 
zu des Schiffers Weib. 

Die Pupille des menschlichen Auges, die als ein runder 
schwarzer Fleck erscheint, wird in den verschiedensten 
Sprachen in gleicher Weise sexualisiert- »Papilla « bedeutet 
lateinisch ein Mädchen; das griechische xdpTj, das spanische 
nifia, das kanna des Sanskrit haben den gleichen Sinn. Das 
Hebräische hat zwei Ausdrücke, deren einer wiederum »Mäd- 
chen« bedeutet, der andere dagegen »Männlein«. Das zierliche 
Spiegelbildchen, das man in der Pupille des anderen Men- 
schen erblickt, hat nach der Anschauung der meisten For- 
scher den Anlaß zu dieser Benennung gegeben. Kleinpaul 
erhebt freilich Einspruch gegen diese poetische Erklärung 



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UND MYTHUS. If 



und gibt eine mehr naturalistische. Der runde Fleck in der 
Mitte der Iris werde von einer naiven Phantasie mit einem 
Loche verglichen und als grobes Symbol des weiblichen Ge- 
schlechtes behandelt, ganz wie es z. B. auch mit dem Ohre 
geschieht. Welche Erklärung nun die richtige sein mag — 
die Tatsache der Sexualisierung eines an sich gänzlich a sexu- 
ellen Gebildes bleibt bestehen* 

In gewissen deut sehen Dialekten werden Haken und 
Ösen als Männlein und Weiblein bezeichnet. Ausdrücke wie 
Mutter, Matrize, Patriae gibt es in den verschiedensten Hand- 
werken ; es handelt sich stets um eine Höhlung und einen 
Stift, der in sie hineingepaßt ist. In Italien gibt es männ- 
liche und weibliche Schlüssel, je nachdem sie mit einem 
massiven oder hohlen Ende auf den entgegengesetzten Teil 
eines Schlosses aufgesetzt werden. 

Wir sprechen von Städten, ja von ganzen Ländern als 
von weiblichen Personen. Fast alle Bäume sind uns weiblieh ; 
offenbar ist das Fruchttragen das Tertium comparationis. 
Im Lateinischen ist die Weiblichkeit der Bäume sogar eine 
streng durchgeführte Regel. (»Die Weiber, Bäume, Städte, 
Land« etc.). 

Ich beschränke mich auf wenige prägnante Beispiele. Ver- 
tieft man sich nur ein wenig in das Studium der eigenen 
Muttersprache, so trifft man überall auf diese sexuelle Sym- 
bolik. Reiches Material in dieser Hinsicht bietet Kleinpauls 
Schrift »Das Stromgebiet der Sprache«. 

Die menschliche Phantasie dichtet also auch leblosen 
Objekten ein Geschlecht an. Daraus spricht die gewaltige 
Bedeutung des Sexuellen für die menschliche Phantasie. 
Weiter geht daraus hervor, daß der Mensch zu den leblosen 
Gegenständen keineswegs in einem rein objektiven, sondern 
in einem ausgeprägt subjektiven, persönlichen Verhältnis 
steht, welches aus seiner Sexualität entspringt. Es liegt tief 
in der Katur des Menschen, daß er die ihn umgebenden 
Dinge belebt : Das Kind schilt und schlägt den Tisch, an dem 
es sich gestoßen hat. Der Mensch beschränkt sich aber nicht 
darauf, die Dinge zu beleben, sondern er sexualisiert 
sie auch. Damit kommen wir zum Verständnis der oben 

Abraham, Traum und Mythua. S 



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18 TRAUM 



zitierten Ansicht Kleinpauls, daß der Mensch das AU sexu- 
alisiere. Es ist sehr bemerkenswert, daß Sprach- 
forschung und biologisch-medizinische Forschung 
hier zu dem gleichen Ergebnis führen. 

Wie Freud'} erwiesen hat, ist der Geschlechtstrieb des 
Menschen in einem frühen Stadium autoerotisch, d. h. der 
Mensch kennt noch kein Objekt außer sich selbst, auf das er 
Beine Libido konzentrieren könnte. Erst allmählich wendet 
die Libido sich anderen Objekten zu, dann aber nicht nur 
menschlichen und lebenden, sondern auch leblosen. Es wird 
der Gegenstand einer anderen Publikation sein, diese Aus- 
strahlungen der Sexualität eingehend zu behandeln, speziell 
auch die Abnormitäten auf diesem Gebiete, welche für die 
Auffassung gewisser Geistesstörungen von weittragender 
Bedeutung sind. 

Wir haben festgestellt, daß der Mensch von allem An- 
fang an den sexuellen Differenzen ein großes Gewicht bei- 
gelegt hat. Die Sexualität des Menschen zeigt ein Expan- 
sionsbedürfnis weit über das Objekt der geschlechtlichen Be- 
friedigung hinaus. Der Mensch durchdringt, durchsetzt alles 
ihn Umgebende mit seiner Sexualität, und die Sprache ist 
das Zeugnis seiner allzeit schaffenden sexuellen Phantasie. 
Solehen Tatsachen gegenüber erscheint es sehr merkwürdig, 
daß man es Freud und seinen Anhängern zum Vorwurf 
macht, sie überschätzten die Rolle der Sexualität im nor- 
malen und pathologischen Seelenleben. Die Gefahr der Unter- 
schätzung scheint mir viel naher zu liegen. Ein oft ge- 
hörter Einwand gegen Freud lautet femer, der Trieb der 
Selbsterhaltung beherrsche das menschliche Leben in viel 
höherem Grade als der Geschlechtstrieb ; die Voranstellung 
des letzteren sei daher eine Übertreibung. Die von Freud 
inaugurierte Forsehungsrichtung gefalle sich nur darin, in 
alles einen sexuellen Sinn hineinzulegen. Im Bewußtsein 
freilich mag der Selbsterhaltungstrieb mit seinen Ausstrah- 
lungen oft genug den Vorrang haben. Die Gegner Freuds 
begehen aber den Fehler, daß sie nur die bewußten Vor- 



') Vgl. die sDrei Abhandlungen zur Seinaltheorie«. 



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UND MYTHUS. 19 



gänge ins Auge faBsen. Nie hat Freud behauptet, den be- 
wußten sexuellen Vorstellungen sei unter allen der unbe- 
dingte Vorrang zuzusprechen. Gerade die unbewußten, ver- 
drängten Vorstellungen beeinflussen die Phantasie im stärk- 
sten Maße. 

Alle gegen Freuds Sexualtheorie vorgebrachten Ein- 
wände zerfließen in ein Nichts, wenn wir allein unsere Mutter- 
sprache ins Auge fassen. Die Sprache entspringt wie nichts 
anderes dem innersten Wesen des Volkes. Aus ihr spricht 
die Phantasie des Volkes; sie äußert sich in all den tausend 
Sinnbildern und Analogien, deren wir uns kaum mehr be- 
wußt sind. Wir sprechen keinen Satz, in dem nicht sym- 
bolische Ausdrücke vorkämen. Diese Symbolik ist aber zu 
einem erheblichen und wichtigen Teile sexueller Art. Ich 
kehre noch einmal zu der Tatsache zurück, daß es in unserer 
Sprache männliche, weibliche und geschlechtslose (sächliche) 
Wörter gibt. Wenn die Gegner Freuds recht haben, d. h. 
wenn wirklich der Selbsterhaltungstrieb und nicht der Ge- 
schlechtstrieb im Seelenleben des Menschen die vorherrschende 
Rolle spielt, so muß es sehr auffallen, daß die Sprache nach 
sexuellen Gesichtspunkten scheidet ! Warum unterscheidet die 
Sprache die Dinge nicht lieber danach, ob sie unserem Selbst" 
erhaitungst riebe zu gute kommen oder nicht? Warum unter- 
scheidet sie statt männlicher, weiblicher und ungeschlecht- 
licher Dinge nicht etwa eßbare, trinkbare und als dritte 
Kategorie ungenießbare Dinge? 

Es gibt eine Anzahl von Gegenständen und Tätigkeiten, 
die seit Urzeiten der sexuellen Symbolik dienstbar sind. Wir 
finden sie in diesem Sinne in der Bibel, in den Veden, in 
den griechischen und in den nordischen Mythen, in den 
Dichtungen aus historischer Zeit, in den Träumen u. s. w, 
immer wieder. Dahin gehört z. B, die Schlange als Symbol 
des männlichen Gliedes. In der Genesis ist sie die Verführerin 
der Eva. In den deutschen und nordischen Märchen finden 
wir die Sehlange in gleicher Bedeutung wieder. ^) In den 
Träumen der Frauen spielt die Sehlange eine große Rolle ; 



*) Riklfu, Psychologie und Sexualsymbolik der MSrcben. 



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10 TRAUM 



die Bedeutung des Symbols pflegt durchsichtig zu Bein. Die 
abergläubische Furcht vor Schlangen hängt sicher mit der 
gleichen Vorstellung zusammen. ^) Von geisteskranken Frauen 
hören wir nicht selten, daß sie von Schlangen angegriffen 
werden, daß diese ihnen in das Genitale oder in den Mund 
kriechen. Wir wissen, daß der Mund in diesem Sinne nur 
ein Ersatz der Vulva ist, (Freuds »Verlegung nach oben«. 
Vergl, hiezu auch Ei k lins zitierte Schrift.) 

Kin anderes sehr beliebtes Symbol ist der Apfel, der 
die weibliche Fruchtbarkeit vertritt. Eva verführt Adam 
mit dem ApfeL*) 

Wie tief die sexuelle Symbolik im Mensehen liegt, zeigt 
sich in sehr instruktiver Weise beim Assoziationsexperiment. 
Man ruft einer Person gewisse Reizwörter zu, auf die sie mit 
anderen ihr einfallenden Wörtern zu reagieren hat. Die Wahl 
des Reaktionswortes sowie gewisse die Reaktion begleitende 
Erscheinungen zeigen in vielen Fällen an, daß durch das 
Reizwort auf assoziativem Wege ein bei der Versuchsperson 
vorhandener »Komplex« sexueller Art getroffen ist. ') Die 
Bereitschaft, auch das unverfänglichste Wort an den Komplex 
zu assimilieren, im Sinne des Komplexes als Symbol aufzu- 
fassen, ist oft ganz enorm. Diese Tendenz kommt der Ver- 
suchsperson durchaus nicht zum Bewußtsein, während sie das 
Reaktionswort ausspricht. In manchen Fällen kann sie den 



') Vgl. hierau die Anmerkung auf S. 68. 

*) Ein Symbol der Fruchtbarkeit ist der Granatapfel offenbar wegen 
Bciner vielen Kerne. Er ist daher das Attribut der Juno, der Ehe- 
göttin. Der Bamenreich« Mohnkopf ist ein Attribut der Ventis. In einer Sage 
verwandelt sich Venus in einen Karpfen; der Reichtum des weiblichen 
Karplena an Eiera war im Altertum apr ich wörtlich. In manchen Ländern 
pflegt man bei der Hocli^eit das Brautpaar mit Heia zu bewerfen, Ahnliche 
Gebräuche gibt ea an vielen Orten; sie Bollen Kinderaegen bedeuten« Vergl. 
blezn; Kleinpaul^ Sprache ohne Worte, Seite 37. 

*) In den Arbeiten der Züricher psych iatrtHchen Klinik (besonders in 
den von Jung herausgegebenen »DiagnostiRchen A^oziationästudien^y wird 
der Ausdruck «Komplex« gebraucht für einen mit starken Gefühlen betonten 
Komplex von Vorstellungen, der die Neigung hat, vom Bewußtsein abge- 
spalten und las Unbewußte verdrängt zu werden. 



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UND MYTHUS. 31 



Zusammeiihang des Reaktion ew orte» mit einem Sexualkomplex 
selbst aufklären, wobei sie mehr oder minder starke Hem- 
mungen überwinden muß. In anderen Fällen bedarf es 
schwierigerer analytiBcher Anstrengungen seitens des Unter- 
suchers, um jenen Zusammenhang aufzudecken. Wer einige 
Erfahrung in der Technik des Experiments und der psychi- 
schen Analyse hat, wird in der Reaktion und in den sie be- 
gleitenden Erscheinungen Hinweise genug finden, um seinen 
Fragen die entsprechende Richtung zu geben. In der Züricher 
psychiatrischen Klinik ist eine Liste von lOO Reizwörtern in 
Gebrauch ; ihre Anwendung bei sehr vielen Personen hat be- 
züglich der Sexualsymbolik des Unbewußten interessante Re- 
sultate ergeben, die sich übrigens mit Freuds auf anderem 
Wege gewonnenen Ergebnissen vollkommen decken. 

Einige Beispiele mögen zur Erläuterung dienen. Ein 
Reizwort, das mit gro6er Regelmäßigkeit auffallende psychische 
Erscheinungen hervorruft, ist das Yerbum »pflügen«. Als 
Reiawort beim Experiment erzengt es bei der Versuchsperson 
alle jene Erscheinungen, die wir durch die Erfahrung als 
Anzeichen einer Emotion kennen gelernt haben : Verlängerung 
der Reaktionszeit, Nichtverstehen oder Wiederholen des Reiz- 
wortes, Stocken beim Aussprechen des Reaktionswortes, Ver- 
legenheitsgesten etc. Offenbar wurde »pflügen« von den Ver- 
suchspersonen als eine symbolische Bezeichnung des Geschlechts- 
aktes aufgefaßt. Interessant ist, daß sowohl im Griechischen 
und Lateinischen wie in den orientalischen Sprachen »pflügen« 
ganz gewöhnlieh in diesem Sinne gebraucht wird. ^) Andere 
Reizwörter, wie »lang*, »Mast«, »Nadel«, »eng«, »Teil*, wer- 
den mit erstaunlicher Regelmäßigkeit in sexuellem Sinne 
assimiliert. Wir nehmen also Wörter, welche uns ohne Zu- 
sammenhang hingeworfen werden, häufig in sexuellem Sinne 
auf. Ist ein starker Sexualkomplex vorhanden, so ist diese 
Tendenz besonders groß. 

Angesichts solcher Tatsachen scheint es mir durchaus 
klar zu sein, daß die Symbolik, und speziell die sexuelle, ein 
Gemeingut aller Menschen ist. Der Einwand, die Symbolik 



') Kleinpaul', RStsel der Sprache, Sdte 136. 



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S2 TRAUM 



oder die ihr zugeschriebene Bedeutung existiere nur in der 
Phantasie einiger voreingenommener tJntersucher, fällt dahin. 
Kleinpaul*) äußert seine Meinung über diesen Punkt mit 
großer Bestimmtheit und Schärfe : »Sinnbilder werden 
nicht gemacht, sondern sie sind da; sie werden 
nicht erfunden, sondern nur erkannt.«*) 

Ich will mich nicht damit begnügen, auf Freuds Aus- 
führungen über die Symbolik und die von ihm analysierten 
Traumbeispiele zu verweisen, sondern will hier ein Brueh- 
Btüok einer Traumanalyse geben, soweit es zur Erklärung 
der Symbolik erforderlich ist ; auf das übrige Traummaterial 
werde ich der Kürze wegen nicht eingehen. Der Traum, 
welchen mir eine Bekannte mitteilte, lautet wie folgt: 

»Ich bin allein in einem länglichen Zimmer, Plötzlich 
ertönt ein unterirdischer Lärm, der mich aber nicht in Ver- 
wunderung setzt, da ich mich sogleich erinnere, daß von 
einer Stelle des Fußbodens aus ein unterirdischer Kanal 
direkt ins Wasser führt. Ich hebe also eine Klappe im Fuß- 
boden auf, und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen 
Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. 



'y Kleinpaul, Sprache ohne Worte, Seite 26. 

*) Dl6 Kritiker Freuds verschmäheii es, eicli mit der Symbolik und 
ihrem Wesen erustllch zu beech&ftigeii. Kürzlich hat z. B. Weygandt 
(»Kritische Bemerkungen zur Psychologie der Dementia praecox«, MonatB- 
sohrlft für Psychiatrie und Neurologie, Bd. 22, 1907) versucht, den Sym- 
ptomen einea Dämmerzustandes ateichtlich einen möglichst alhemen Sinn 
unterzulegen. Er glaubte, damit die Willkür und Abeurdität des Freud- 
achen Deutungsvertalirens gezeigt zu haben. Hier liegt der fundamentale 
Irrtum der Kritik klar zu Tage. Man glaubt, die Symbolik sei willkürlich 
erfindbar, bewußt produzierbar. Ana Freuds Schriften aber geht hervor, 
daß die Symbolik im Unbewußten wurzelt. Immer dann, wenn die Herr- 
aehaft des Bewußtseins ganz oder teilweise aufgehoben ist — also im ScIUafe, 
in Dämraerzuständen, bei gestörter AufmerkBamkeit ^, taucht verdrängtes 
Voretellungsmaterial auf. Die«« Vorstellungen treten in verhüllter Form 
hervor; sie bodiencn sich der Symbolik. Wie Bleuler (»Freudsche Me- 
ehaniamen in der Symptomatologie der Psychosen «, Psyehiatr.-neurol. Wochen- 
schrift, 190Ö) aueführt, beruht die Symbolik auf einer niederen Form asso- 
ziativer Tätigkeit, welche anstatt logischer Zusammenhäuge vage Analogien 
benutzt. Zu dieser Art assoziativer Tätigkeit sind wir bei klarem Bewußt- 
sein, bei wacher Aufmerksamkeit gar nicht fShig. Die Symbolik kann alao 
nicht willkürlich erfunden sein. 



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UND MYTHUS. 23 



Es wirft den Pelz ab und entpuppt sich als mein Bruder^ 
der mich erschöpft und atemlos bittet, ihm Unterkunft zu 
geben, da er ohne Urlaub fortgelaufen und den ganzen Weg 
unter Wasser geschwommen sei. Ich veranlasse ihn, sich auf 
einer im Zimmer stehenden Chaiselongue auszustrecken, und 
er schläft ein. Wenige Augenblicke später ertönt erneutes, 
viel stärkeres Geräusch an der Tür. Mein Bruder springt 
mit einem Schreekensruf auf: sie wollen mich holen, sie wer- 
den denken, ich bin desertiert ! Er schlüpft in seinen Pelz 
und versucht durch den unterirdischen Kanal zu entfliehen, 
kehrt aber sofort um und sagt i es hilft nichts mehr, sie 
haben den Gang von der Wasserseite her besetzt! In diesem 
Moment springt die Tür auf und mehrere Männer stürzen 
herein und bemächtigen sieh meines Bruders. Ich rufe ihnen 
verzweifelt zu : er hat ja nichts getan, ich will für ihn plä- 
dieren! — In diesem Augenblick erwache ich.« 

Die Träumerin ist seit einiger Zeit verheiratet und be- 
findet sieh im Anfang der Gravidität. Sie sieht der Entbin- 
dung nicht ohne Angst entgegen. Am Abend hat sie sich 
von ihrem Arzte Verschiedenes über Entwicklung und Phy- 
siologie des Fötus erklären lassen. Sie war schon vorher 
aus Büchern im ganzen orientiert, doch stellten sich einige 
irrtümliche Auffassungen heraus. Sie hatte z. B. die Be- 
deutung des Fruchtwassers nicht richtig aufgefaßt. Femer 
stellte sie sich die feine fötale Behaarung (lanugo) als dichte 
Behaarung wie bei einem jungen Tiere vor. 

Der Kanal, der direkt ins Wasser führt ^ Ge- 
burtsweg. Wasser = Fruchtwasser. Aus diesem Kanal kommt 
ein behaartes Tier, wie ein Seehund, Seehund ist ein 
behaartes Tier, das im Wasser lebt, ganz wie der Fötus im 
Fruchtwasser. Dieses Geschöpf, also das zu erwartende Kind, 
erscheint sogleich: rasche, leichte Entbindung. Es entpuppt 
sich als Bruder der Träumerin. Der Bruder ist tatsächlich 
erheblich jünger als die Träumerin. Nach dem frühen Tode 
der Mutter mußte sie für ihn sorgen, stand zu ihm in einem 
Verhältnis, das viel von Mütterlichkeit an sieh hatte. Sie 
nennt ihn noch jetzt gern den Kleinen, beide jüngeren Ge- 
schwister zusammen »die Kinder«. Der jüngere Bruder ver- 



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24 TRAUM 



tritt also das erwartete Kind. Sie wünscht sich seinen Besuch 
(sie wohnt weit entfernt von ihrer Familie), sie erwartet also 
erstens den Bruder, zweitens das Kind. Dies die zweite Ana- 
logie zwischen Bruder und Kind. Sie wünscht aus einem 
hier nicht interessierenden Grunde, daß der Bruder seinen 
Wohnort verlasse. Daher »desertiert« er im Traume von 
seinem Wohnort. Jener Ort liegt am Wasser j er schwimmt 
dort sehr oft, (Die dritte Analogie mit dem Fötus!) Auch 
ihr Wohnort liegt am Wasser. — Das schmale Zimmer, in 
welchem sie sich im Traume befindet^ hat Aussicht auf das 
Wasser. Im Zimmer steht eine auch als Bett benutzbare 
Chaiselongue ; sie dient als Bett, wenn ein Logiergast kommt. 
Als Logiergast in diesem Zimmer erwartet sie den Bruder. 
Eine vierte Analogie : das Zimmer soll später Kinderzimmer 
werden, das Baby soll darin schlafen ! 

Der Bruder ist atemlos, als er kommt. Er ist ja unter 
Wasser geschwommen. Auch der Fötus muß, wenn er den 
Kanal verlassen hat, nach Atem ringen. Der Bruder schläft 
sogleich ein, wie das Kind bald nach der Geburt, 

Nun folgt eine Szene, in der der Bruder sich in leb- 
hafter Angst befindet, in einer Situation, aus der es kein 
Entweichen gibt. Eine solche, der Träumerin selbst bevor- 
stehende Situation ist die Entbindung. Diese bereitet ihr 
dchon im voraus Angst. Im Traume sehlebt sie die Angst 
dem Fötus respektive dem ihn vertretenden Bruder zu. Sie 
veranlaßt ihn, sich niederzulegen, weil er so erschöpft ist. 
Nach der Entbindung müßte sie erschöpft sein und liegen 
~ im Traume ist sie tätig und läßt den Bruder sich nieder- 
legen. Sie zieht sich noch auf eine andere Art ans der 
Affäre; Der Bruder ist Jurist und muß als Verteidiger fun- 
gieren, »plädieren«. Diese Rolle nimmt sie ihm ab, sie plä- 
diert für ihn. Dafür schiebt sie ihm ihre Angst zu. 

Der Traum enthält Symbole, welche als typische Bei- 
spiele gelten können. Zwischen einem Kinde und einem See- 
hund, zwischen einem unterirdischen Kanal und dem Geburts- 
weg besteht doch nur eine vage Analogie. Dennoch wird im 
Traume das eine für das andere eingesetzt. Der Bruder der 
Träumerin tritt an die Stelle des Kindes, obgleich er längst 



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UND 3IYTHUa 25 



erwachsen ist. Er ist für sie eben »der Kleine*. Der Traum 
macht mit Vorliebe von solchen Wörtern Gebrauch, welche 
im verschiedenen Sinne verstanden werden können. 

Die Wunscherfüllungen dieses Traumes liegen zum Teil 
klar zu Tage: Der Wunsch nach einer leichten Entbindung, 
vor der man keine Angst zu haben braucht, und der Wunsch, 
für den Bruder sorgen zu können. Es ist ■wahrscheinlich, daß 
der nicht ganz zu Ende gedeutete Traum noch eine weitere, 
verborgene Wunscherfüllung in sich begreift. 

Um zu zeigen, daß gewissen psychopathologischen Zu- 
standen die gleiche Symbolik eigen ist, will ich nur ein Bei- 
spiel geben. Die Halluzinationen Geisteskranker, mögen sie 
viele Jahre hindurch bestehen oder nur vorübergehend wäh- 
rend eines Dämmerzustandes auftreten, ähneln den Traum- 
bildern außerordentlich. Die Analyse ergibt, daß es sich nicht 
bloB um eine oberflächliche Ähnlichkeit handelt. 

Ein Mädchen wird im Alter von zehn Jahren von seinem 
Onkel, einem Trunkenbold, in der Scheuer beim Hause der 
Eltern mißbraucht. Er hatte ihr gedroht, das Haus anzu- 
zünden, wenn sie sich ihm widersetze. Durch die Drohungen 
eingeschüchtert, war sie dem Onkel mehrmals zu Willen, Als 
einige Zeit darauf eine Geistesstörung bei ihr zum Ausbruch 
kam, lieferten die Erinnerungen an das sexuelle Attentat und 
die Selbstvorwürfe, welche sie sich wegen ihrer Nachgiebig- 
keit machte, den wesentlichen Inhalt der Psychose, d. h, sie 
determinierten die Krankheitserscheinungen. Sie verbargen 
sich dabei hinter einer Sexual Symbolik, die mit der Traum- 
symbolik durchaus übereinstimmt. Aus der eingehenden Dar- 
stellung des Falles, die ich in einer früheren Veröffentlichung 
gegeben habe,*) zitiere ich die hier interessierenden Satze: 
Die Patientin litt über viele Jahre an nächtlichen Visionen, 
besonders sah sie die Scheuer brennen. Diese Vision ist offen- 
bar zweifach determiniert ; der Onkel hatte mit Feueranlegen 
gedroht und hatte sie in der Scheuer mißbraucht. Daneben 
hatte sie schreckliche Träume. Einmal kam ein Schwärm von 



') Über die Bedeutung eeiueller Jugendtraumen für die Symptomato- 
togie der Dementia praecox. Zentran]latt f. Nerrenlieilk., 1907. 



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26 TRAUM 



Nachteulen; die Tiere sahen sie scharf an, flogen zu ihr, 
rissen ihr Decke und Hemd fort und riefen: schäme dich, 
du bist ja nackt ! Offenbar ist dies eine Eeminiszenz an das 
Attentat. In späterer Zeit sah sie in wacbem Zustand die 
Hölle. Die Szenen, die sie bier sah, waren stark sexuell ge- 
färbt. Sie sah »verwandelte Geschöpfe«, halb Tiere, halb 
Menschen, wie Schlangen, Tiger, Eulen. Es kamen auch 
Trunkenbolde, die verwandelten sich in Tiger und gingen auf 
die weiblichen Tiere los. — Die in diesen Visionen und Träu- 
men enthaltenen WunscherfüUungen lassen sich nur an der 
Hand der ganzen Krankengeschichte erkennen. Hier genügt 
es, die Symbole zu verstehen. Besonders interessant sind die 
den Onkel der Patientin verkörpernden »verwandelten Ge- 
schöpfe«, die aus Trunkenbold und Tiger zusammengesetzt 
sind. Trunksucht und tierische Roheit des Onkels werden 
so zu einem Symbol vereinigt. Die Sehlangen in einer deut- 
lich sexuellen Szene können keinen anderen Sinn haben als 
den, welchen wir schon früher kennen gelernt haben. Gewisse 
Arten von Tieren spielen als Sexualsymbole eine große Rolle 
im Traume und in der Psychose. Eine mir bekannte, sehr 
erotische Patientin, welche an Hebephrenie litt, hat diesen 
Tieren, welche in ihren Halluzinationen auftreten, den Namen 
»Schönheitstiere« gegeben. Ein Euphemismus, der doch des 
Erotischen nicht gänzlich entkleidet ist! 

Ausgezeichnete Beispiele dieser Art hat Riklin aus 
Märchen verschiedener Völker gesammelt. Endlich möchte 
ich auch noch auf die Symbolik in der von Freud analy- 
sierten Novelle von Jensen verweisen. 

IV. Analyse der Prometheussage. 

Durch die verschiedenartigsten Gebilde der menschlichen 
Phantasie zieht sich die gleiche Symbolik hindurch, die zu 
einem wesentlichen Teil Sexualsymbolik ist. Ich wende mich 
nun zur Analyse eines Mythus. Doch wird uns in seinem 
Aufbau nicht nur die Symbolik beschäftigen, sondern es 
werden sich noch andere wichtige Analogien mit dem Traume 
ergeben. 



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UND MYTHUS. 27 



Nach der Anschauung der Griechen hat Prometheus die 
Menschen erschaffen und dann den Göttern das Feuer ge- 
raubt, um es seinen Geschöpfen zu bringen. Daß der Mensch 
von einem höheren Wesen erschaffen wird, ist eine Vorstel- 
lung, der wir bei den verBchiedensten Völkern begegnen. So 
geläufig sie uns ist, so bedarf sie doch der Erklärung. Der 
Bericht, daß der Schöpfer der Menschen, der keine eigent- 
liche Gottheit und auch kein Mensch ist, den Göttern das 
Feuer raubt und dadurch mit ^^eus in Konflikt gerät, bedarf 
ebenfalls der Erklärung. Die Entstehung der Sage von der 
Herabkunft des Feuers hat in Adalbert Kuhn ihren Be- 
arbeiter gefunden. Kuhn ist der Begründer der vergleichen- 
den Mythologie j ihm verdankt die Wissenschaft eine Reihe 
von grundlegenden Studien über verschiedene mythologische 
Gestalten. Er ging davon aus, daß gewisse den indogermani- 
schen Völkern gemeinsame Sagen in den indischen Veden in 
viel ursprünglicherer Form enthalten sind, als sie aus den 
griechischen und anderen Quellen bekannt war. So gelaug 
es ihm, die Gestalten der Athene, der Kentauren, des Orpheus, 
des Wotan und anderer Götter und Helden des griechischen 
und germanischen Mythus auf vedische Quellen zurückzu- 
führen und dadurch den eigentlichen Sinn der Mythen zu 
erklären. Von größter Bedeutung für die mythologische For- 
schung wurde seine umfangreiche Abhandlung Ȇber die 
Herabkunft desFeuers und des Göttertranks (1859, 
neugedruckt 1886). Ihren Spuren folgten alsbald andere For- 
scher wie Delbrück, Steinthal, Cohen, Roth, Max 
Müller, Schwarz. Ich gebe im folgenden nur die wichtigsten 
Resultate aus Kuhns Untersuchungen wieder, beschränke 
mich außerdem aus technischen Gründen vorläufig auf den 
Mythus von der Herabkunft des Feuers. Ich halte mich dabei 
zum Teil an den Auszug der Kuhnschen Arbeit, welchen 
Stein thaP) in einer kritischen Besprechung gegeben hat; 
auch die allgemeinen Bemerkungen, welche C o h e n ^) au 



') Steiothal, Die Prometheuassige in ihrer ursprÜDglicben Gestalt. 
Zeitschrrtt f. Völfcerpsyeliologie und Sprachwiasenscliaft, Bd. 2, 186S. 

*) Cohen H,, Mythologische Vorstellungen von Gott und Seele. Zeit- 
schrift L Völkerpsychologie und Spraehwissensehaft, Bd. 5 u. 6, 1868 u. 1869. 



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28 TRAUM 

KubnB Ausführungen geknüpft hat, habe ich benützt. Es ist 
natürlich im Rahmen dieser Darstellung nicht möglich, für 
die einzelnen Punkte der Analyse die vergleichend-sprach- 
wissensehaftliehen und mythologischen Nachweise vollständig 
zu bringen. In dieser Hinsicht muß ich auf das Original 
sowie auf die beiden genannten Schriften von Steinthal 
und Cohen verweisen. 

Soweit uns die Forschungen Aufschluß geben, bereiteten 
alle indogermanisehen Völker das Feuer ursprünglich durch 
Reiben. Wir können diese Methode noch in historischer 
Zeit nachweisen; sogar die zugehörigen, technischen Aus- 
drücke sind uns bekannt. Bei kulturarmen Völkern anderer 
Rassen begegnen wir noch heut© dem gleichen Verfahren. 
Wie der Mensch dazu gekommen ist, durch Reibung Feuer 
zu erzeugen, mag dahingestellt bleiben. Nach Kuhn wäre die 
Natur darin die Lehrmeisterin des Menschen gewesen: er 
mochte im Urwald beobachtet haben, wie ein dürrer Schoß 
einer Schlingpflanze, vom Winde bewegt, sich in der Höhlung 
eines Astes rieb und dann in Flammen geriet. Schon PescheH) 
macht auf das Unwahrscheinliche dieser Erklärung auf- 
merksam ; er meint, beim Bohren und bei anderen handwerk- 
liehen Verrichtungen müsse der Mensch die Erhitzung zweier 
Gegenstände durch Reiben kennen lernen, auch ohne daß er 
einen ähnlichen Vorgang in der Natur beobachte. 

Das primitive Feuerzeug bestand aus einem Stabe von 
harten Holze und einer Scheibe aus weichem Holze, welche 
eine Höhlung enthielt. Durch drehende und bohrende Be- 
wegung des Stabes in der Höhle wurde das Holz zur Ent- 
zündung gebracht. Das so erzeugte Feuer zeigt die Eigen- 
schaft, nach einiger Zeit zu erlöschen ; es mußte alsdann von 
neuem hervorgerufen werden. Die nämliche Beobachtung 
machte der Mensch aber auch an einem anderen Feuer — 
nämlich an dem himmlischen. Am Himmel erschien ihm täg- 
lich das Feuer der Sonne, wärmend und leuchtend ; zuzeiten 
sah er ferner Feueratrahlen vom Himmel herabfahren, leuch- 
tend und zündend. Auch das himmlische Feuer verlosch nach 



>> Peachel, VdlkerkUDde, 6. Aufl., Leipzig 1885, S. Ul. 



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UND MYTHUS. 39 



einer Weile wieder. Also mußte wohl aucli am Himmel etwas 
brennen und erlöschen. Naeh einer uralten Vorstellung der 
indogermanischen Völker sah man die Wolkenbildungen als 
einen Baum an — das ist die Weltesche, der wir in den ver- 
schiedensten Mythen wieder begegnen. Das Holz der Esche 
diente nun aber dem Menschen als Feuerzeug, Sah man Feuer 
am Himmel, so brannte eben das Holz der Himmelsesche. 
Der vom Himmel zur Erde fahrende Blitz war ein von der 
Esche herabkommendes Feuer. Daraus entstand die An- 
schauung, daß das irdische Feuer ein herabgekommenes himm- 
lisches Feuer sei. Die rasche Bewegung des Blitzes durch die 
Luft erinnerte an den Flug der Vögel; daher stammt die 
weitere Annahme, ein Vogel, der auf der Himmelsesche 
nistet, habe das himmlische Feuer zur Erde gebracht. Im 
Mythus verschiedener Völker und zu verschiedenen Zeiten 
ist es der Adler, der Falke oder der Specht, dem diese Rolle 
zuerteilt wird. Gewisse Baumarten, 2. B. die Eberesche, 
welche rote Früchte, Dornen oder gefiederte Blätter tragen, 
galten als Verwandlungen des Blitz vogels. In jenen Bestand- 
teilen erkannte man Farbe, Klauen und Gefieder des Vogels 
wieder. 

Zum himmlischen und irdischen Feuer tritt in den Vor- 
stellungen des indogermanischen Mythus eine dritte Art : das 
Lebensfeuer. Wir treffen hier auf dieselbe Analogie, vermöge 
deren himmlisches und irdisches Feuer identifiziert wurden. 
Auch das Lebensfeuer muß erweckt werden. Solange es im 
Körper weilt, ist der Körper warm. Und wie jedes Feuer, so 
erlischt auch das Lebensfeuer. Die sinnfälligste Analogie lag 
aber in der Zeugung und in der Feuerbereitung, Wie durch 
das Bohren eines Stabes in einer Holzscheibe das Feuer, so 
wird das menschliche Leben im Muttersehoße erweckt. Viel- 
fach sind die Beweise für diese Auffassung in Mythus und 
Sprache. Hier erwähne ich nur, daß die beiden Hauptteile 
des primitiven Feuerzeugs vielfach Äugleich die Namen des 
männlichen und weiblichen Genitales sind. So sehr war diese 
Anschauung dem Volke in Fleisch und Blut übergegangen. 
Ja, noch mehr: Dieselbe Identifizierung finden wir in den 
semitischen Sprachen. Im Hebräischen bedeuten die Aus- 



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80 TEAUM 



drücke für »männlich« und »weiblich« geradezu: der Bohrer 
und die Gehöhlte! 

So wird nun die Entstehung des Lebensfeuers, die 
Schöpfung des Mensehen, ebenfalls an die Weltesche dort 
oben versetzt. Von ihr stammt so der Mensch wie das Feuer; 
darum ist auch der Mensch, wie fdas Feuer, durch einen 
Vogel auf die Erde versetzt worden. Das ist der Storch, der 
die Kinder bringt. 

Eine spätere Epoche, die sich im Mythus sozusagen als 
eine neue Schicht ablagert, schafft menschenähnliche Götter. 
Sie behält die alte Analogie von Feuer und Leben bei; nur 
eine neue Form gibt sie ihr: Der Gott des Feuers ist auch 
der Mensch-Gott. In den Veden begegnen wir einem Gott 
Agni (agni = lateinisch ignis, Feuer), der Feuer, Licht, 
Sonne und Blitz verkörpert, zugleich aber auch der erste 
Mensch ist. In den Mythen verschiedener Völker ist Agni 
noch zugleich der Blitzvogel. Pieus, der Specht, war im 
ältesten lateinischen Mythus der Feuervogel, Blitz und Mensch. 
Eine spätere Version des Mythus macht ihn zum ersten König 
von Latium; daneben aber blieb er der Schutzgott der 
Wöchnerinnen und Säuglinge — also der Lebensgott. 

Mit der zunehmenden Personifikation der Götter wurde 
alles in der Natur zu Produkten oder Attributen der Götter. 
So war nun auch das Feuer nicht mehr ein Gott, sondern 
von einem Gott hervorgerufen. Ein Gott entzündete morgens 
das erloschene Sonnenfeuer durch Bohren in der Sonnen - 
Scheibe; er erzeugte den Blitz, indem er einen Keil in die 
Wettesrwolke trieb. So wie das himmlische Feuer mu^te auch 
das irdische immer von neuem erzeugt werden. Erlosch das 
Feuer, so war Agni verschwunden; er mußte sich versteckt 
haben. Wie er am Himmel in einer Wolke (dem Wolken- 
baum) versteckt war, so war er auf Erden in der hölzernen 
Scheibe versteckt, aus der man ihn durch das Bohr- und 
Reibeverfahren wieder hervorlocken konnte. Hier begegnet 
uns im Mythus eine neue Gestalt, deren ältester Name (in 
den Veden) Matariehvan lautet. Matarichvan holt den 
Agni, der sich in der Wolke — oder im Holze — versteckt 
hält, auf die Erde zurück. Nach anderer Version findet er 



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UND MYTHUS. 31 



den Agni in einer Höhle. Er bringt den Menschen Licht 
und Wärme, deren 8ie zum Leben bedürfen. Sein Name be- 
deutet »der in der Mutter Schwellende oder Wirkende« — 
daa ist wieder der Blitz oder der bohrende Stab. 

Dem Matarichvan, dem Feuerbringer, entspricht im 
griechischen Mythus Prometheus. In historischer Zeit 
wurde der Name Prometheus, der verschiedene Umwandlung 
gen erfahren hatte, ala »der Vorsorgende« ausgelegt. Als 
ältere Form läßt sich unter anderem »Pramantha« nachweisen. 
Dieser Name ist doppelsinnig. Er bedeutet zunächst »der 
Hervorreibende«, d. h. der durch Reiben etwas hervorbringt. 
Durch Eeiben bringt er das Feuer hervor und 2dngt den 
Menschen. Hiebei ist zu bemerken, daB »matha« das männ- 
liche Genitale bedeutet. Die zweite Bedeutung von Pramantha 
vist der Feuerräuber. Neben der Vorstellung, daß Prometheus- 
Pramantha das Feuer erzeugt, geht die andere her, daß er 
— wie Matariehvan — das Feuer vom Himmel holt oder 
raubt. Er verbirgt den Feuerfunken in einer Narthexstaude» 
d, i. eine der zur Feuererzeugung dienenden Holzarten. 

Im Mythus sehen wir also das Feuer in dreierlei Gestalt 
vertreten : Als Feuer (zugleich Feuergott), als Feuer- 
erzenger (oder -reiber, oder -holer) und endlich als M e n s c h. 
Mensch ist im Mythus auch insofern identisch mit Feuer, als 
die ersten Menschen jeweilen vom Feuer stammen, und weil 
der Mensch das Lebensfeuer in sich birgt. 

V. Die InfatitfHstnen in der Individual- und Völker- 
psychologie. WunscherfQllung In Traum und Mythus. 

Die kurze Darstellung, welche ich im obigen gegeben 
habe, vermag nur einen unvollständigen Begriff von der Viel- 
heit der Quellen zu geben, welche in der Prometheussage zu- 
sammenfließen. Ihre Erforschung war von der größten 
wissenschaftlichen Bedeutung. Sie führte zum Bruch mit der 
hergebrachten Auffassung, daß der Mythus der bildliche Aus- 
druck eines philosophischen oder religiösen Gedankens sei. 
Kuhn suchte zu zeigen, daß jeder Mythus auf einer Natur- 
anschauung beruhe. Er wies nach, daß jeder Mythus außer 



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32 TBAÜM 



dem Inhalt, der aus seinem Wortlaut ohne weiteres ersichtlich. 
ist, noch einen latenten Inhalt hat^ der sich hinter symboli- 
schen Ausdrücken verbirgt. ^) Wer Freuds Methode der 
Traumdeutung und die Traumtheorie, welche aus ihr ge- 
wonnen wurde, kennt, wird bemerken, daß zwischen Kuhns 
Deutung der Prometheussage und Freuds Traumdeutung 
weitgehende Analogien bestehen. Wenn auf zwei Gebilde, 
die äußerlich so erhebliehe Differenzen zeigen, wie es bei 
Traum und Mythus der Fall ist, die gleiche Methodik der 
Untersuchung anwendbar ist, so darf man darin eine neue 
Bestätigung der Vermutung erblicken, daß sich hinter äußer- 
lichen Unterschieden eine innere Verwandtschaft verbirgt. 
Das Beispiel der Frometheussage soll jetzt dazu dienen, die 
psychologische Verwandtschaft von Traum und Mythus zu 
erweisen. 

Der Mythus von Prometheus, soweit er uns hier be- 
schäftigt, läßt sieh mit wenigen Worten erzählen. Die Deu- 
tung, welche uns den eigentlichen Sinn dieser wenigen Worte 
enthüllte, nahm einen sehr viel größeren Raum in Anspruch. 
Ganz gleiche Verhältnisse liegen nun beim Traume vor. Auch 
ein kurzer Traum enthält weit mehr, als wir aus der ein- 
fachen Erzählung vermuten möchten. Ganz wie Freud es 
für den Traum festgestellt hat, so verbirgt sich auch im 
Mythus hinter dem manifesten ein latenter Inhalt. Zur Er- 
mittelung des letzteren bedarf es eines Deutungsverfahrens. 
Dieses muß, ganz wie die Traumdeutung, das gesamte Material 
an Vorstellungen und Gefühlen, welches in dem Mythus seinen 
Ausdruck gefunden hat, aufdecken. 



^) Kubn schemte sich niclit, den Hesüellen Charakter dieser Symbolik 
offen auszusprechen. Daß eine eolche Lehre als imwis&enachaftlich und un- 
moralisch angegriffen wird, das haben wir ja in unseren Tagen hiulÄngUch 
erfahren. Steinthal übernahm es, in seiner zitierten Abhandlung (S. 3), 
Kuhn nach beiden Seiten hin. zu verteidigen. Ich kann es mir nicht ver- 
sagen, seine Worte hier anzuführen, weil sie vorahnend an die Gtegner der 
Freu dachen Lehre gerichtet zu sein scheinen. »Wenn mit solcher öenauig- 
teit, mit der Gewiaaenhaftigkeit eines Richters, das Gewielit jedes Grundes 
geprüft und so ohne alle Überredung, so ungeschminkt dareeatellt, die Fol- 
gerung allemal mit der größten Behutsamkeit vollzogen wird, so verdient 
das nicht nur wigeenschaftliche, sondern auch sittliche Anerkennung.« 



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UND MYTHUS, 33 



Aus den mehr oder weniger bedeutenden Differenzen 
des latenten und des manifesten Trauminhaltes erklärt es 
sich, daß der Träumer nur selten im stände ist, seinen Traum 
zu verstehen. Er erklärt selbst den Traum für unsinnig, für 
absurd, bestreitet auch wohl, daß dem Traume überhaupt 
ein Sinn innewohne; versucht er wirklich in die Bedeutung 
seines Traumes einzudringen, so gibt er eine unzureichende, 
weil nur den manifesten Inhalt berücksichtigende Erklärung. 
Nicht anders das Volk ! Es versteht den latenten Inhalt seiner 
Mythen ebenfalls nicht. Es gibt ihnen eine unzureichende 
Erklärung. Beispiele werden dies leicht erläutern. Die Träume 
vom Tode naher Angehöriger, mit denen wir uns bereits be- 
schäftigt haben, werden von den Personen, denen sie begegnen, 
wohl ausnahmslos falsch gedeutet. Ganz ebenso verkannten 
die Griechen den eigentlichen Sinn der Prometheussage. Sie 
mißverstanden sogar die Bedeutung des Namens Prometheus, 
Auf diesen Punkt werden wir noch zurückkommen. 

Die Tatsache, daß das mythenbildende Volk sich seinem 
geistigen Produkt gegenüber gerade so verhält wie der 
Träumer gegenüber seinem Traume, verlangt eine Erklärung. 
Den Schlüssel zu diesem Rätsel gibt uns Freud. Seine 
Traumtheorie gipfelt in dem Satze: »Der Traum ist ein 
Stück überwundenen infantilen Seelenlebens.« 
Diese Behauptung ist nicht ohne weiteres verständlich. 
Freud kommt zu seiner Auffassung auf folgendem Wege. 
Unser Gedächtnis bewahrt weit mehr Eindrücke, als unserer 
Erinnerung gewöhnlich zugänglich sind. Besonders solche 
Reminiszenzen, welche mit einem peinlichen G«fühlston ver- 
bunden sind, »vergessen« wir gern. Sie sind aber dann nicht 
absolut ausgelöscht, sondern nur der gewollten Reproduktion 
entzogen. Wir haben diesen Vorgang der Verdrängung 
ins Unbewußte bereits kennen gelernt. Besonders pflegen 
wir unerfüllt gebliebene oder unerfüllbare Wünsche wegen 
der ihnen anhaftenden Unlustbetonung aus unserem Be- 
wußtsein zu entfernen. Die Träume beziehen nun ihr 
Material zum großen und zum wesentlichsten Teil aus den 
verdrängten Vorstellungen; nur ein kleiner und minder- 
wichtiger Teil des Trauminhaltes ist aktueller, rezenter Natur. 

Abraham, Traum und Slythus. 3 



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34 TRAUM 



Das gleiche findet statt, wenn durch pathologische Vorgänge 
die Bewußtseinstätigkeit gestört wird. Auch dann steigen alte 
Reminiszenzen aus tiefer Verdrängnis empor. Wir können 
das besonders gut bei der Hysterie und bei der Dementia 
praecox beobachten. Der Begriff der Verdrängung ist un- 
entbehrlich zur Erklärung der verschiedenartigsten Krank- 
heitssymptome. Die verdrängten Erinnerungen können allen 
Lebensaltern entstammen. Bei genauer Analyse gelingt jedoch 
der Nachweis, daß die letzte Grundlage eines Traumes oder 
eines Symptomes der genannten Krankheiten eine Reminiszenz 
der Kindheit ist. Das Kind erfüllt seine Wünsche, auch die 
aktuellen, unverdrängten, sofern sie nicht verwirklicht wer- 
den, in Tages- und Traumphantasien. Im späteren Älter wird 
diese Phantasietätigkeit vorzugsweise auf den Schlaf ver- 
wiesen. Im Traume bewahrt der Erwachsene aber nicht nur 
die kindliche Art des Denkens, sondern auch die Objekte 
des infantilen Denkens, Nur scheinbar vergessen ruhen die 
infantilen Wünsche und Erlebnisse im Schöße des Unbewußten. 
Sie warten hier gewissermaßen, bis das Individuum ein Er- 
lebnis hat, welches einem infantilen analog ist. Dann wird 
der Analogiefall dem früheren assimiliert. Die infantile Er- 
innerung erfährt so im Unbewußten eine Verstärkung, Hat 
sie eine gewisse Intensität erreicht, so bringt sie sich beim 
gesunden Menschen im Traume, beim neurotischen oder psy- 
chotischen Individuum in Krankheitserscheinungen zur Geltung, 
Es bedarf hiezu zweier Bedingungen: einer Herabsetzung 
der Bewußtseinstätigkeit, wie sie im Traume und in gewissen 
krankhaften Zuständen gegeben ist, und eines aktuellen An- 
lasses. Man wird im allgemeinen nicht geneigt sein, infan- 
tilen Erlebnissen und Wünschen eine solch umfassende Wir- 
kung einzuräumen j wie ich es mit Freud tue. Man wird 
einwenden, die infantilen Interessen würden im späteren Leben 
durch ganz anders geartete unterdrückt. Doch das ist, wie 
sich zeigen wird, nur ein scheinbarer Gegengrund. Die Be- 
deutung infantiler Regungen und Reminiszenzen für die nor- 
male und pathologische Psychologie ist bis auf die 1895 er- 
schienenen ^Studien über Hysterie* von Breuer und Freud 
niemals in ihrer Bedeutung gewürdigt worden. Es bleibt das 



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UND MYTHUS. 35 



VerdieBst dieser beiden Autoren, die Aufmerksamkeit auf die 
Bedeutung der infantilen Reminiszenzen gelenkt zu haben, 
Freud hat diese Lehre in den folgenden Jahren immer 
weiter ausgebaut. Die Anschauungen von der Bedeutung in- 
fantiler Erlebnisse haben zwar wesentliche Abänderungen er- 
fahren, die aber keineswegs ein Verlassen der Lehre von den 
psychischen Infantilismen bedeuten. Daß die frühen infan- 
tilen Reminiszenzen auf die psychische Entwicklung des In- 
dividuums so großen Einfluß üben, vermögen wir wohl zu 
erklären. Wenn auch viele Erlebnisse das Kind treffen, die 
auf äußeren Ursachen beruhen, also nicht in seiner Indivi- 
dualität begründet sind, so gehen doch andere gerade aus 
dieser seiner Eigenart hervor. In zwei kleineren Abhand- 
lungen ^) habe ich dies für gewisse sexuelle Erlebnisse des 
Kindesalters zu erweisen versucht. Wir können das Ergebnis 
hier ganz allgemein so formulieren: einen Teil seiner Erleb- 
nisse, und wohl den eindrucksvollsten, verdankt das Kind 
den ihm innewohnenden, angeborenen Regungen. Hiezu 
kommt, daß das Kind in früher Jugend noch nicht gelernt 
hat, aus ethischen Gründen seine Wünsche fremden Wünschen 
unterzuordnen, daß sein Gemüt noch nicht abgestumpft, son- 
dern empfänglich für alle Eindrücke ist, daß es daher mit 
großer und ungehemmter Intensität reagiert. 

Den Erinnerungen der Kindheit assimilieren sieh spätere. 
Namentlich den verdrängten infantilen Wünschen lagern sich 
solche des späteren Lebens an. Ich erinnere hier an die in- 
fantile Vorliebe des Sohnes für, die Mütter und seine Rivalität 
mit dem Vater sowie an die mit diesen Regungen zusammen- 
hängenden Wünsche. Ein aktueller Anlaß weckt diese Kind- 
heitserinnerungen wieder. Sie finden nun ihren Ausdruck in 
einem Traume. Dieses eine Beispiel statt vieler möge er- 
läutern, in welchem Sinne Freud den Traum als ein Stück 
überwundenen infantilen Seelenlebens bezeichnet. 



') Abraham, »ÜTser die Bedeutung Bexueller Jugendtraumen für die 
Symptomatologie der Dementia praecox«. Zentralblatt für Nervenliejlfeunda 
und PByehiatrie, 1907, und *Daa Erleiden sexueller Traumen als Form infan- 
tiler Seiualbetätigung«, ebendort erschienen. 



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36 TRAUM 



Im Traume lebt also die infantile Phantasietätigkeit samt 
ihren Objekten fort. Die Analogie des Mythus mit dem 
Traume enthüllt sieh nun mit einem Schlage. Der Mythus 
entstammt einer längst vergangenen Lebensperiode des Volkes, 
die wir als die Kindheit des Volkes bezeichnen dürfen. Die 
Berechtigung zu diesem Vergleich ist leicht zu erweisen. Ein 
Ausdruck, welchen Freud in der ^Traumdeutung* gebraucht, ■ 
illustriert die Sachlage ausgezeichnet. Freud bezeichnet die 
Kindheitsperiode, deren wir uns nur unklar erinnern, als die 
vorhistorische Zeit in der Geschichte des Individuums. 
Sind auch unsere Reminiszenzen aus jener Zeit sehr unbe- 
stimmt, so ist sie doch keineswegs an uns vorübergegangen, 
ohne Eindrücke zu hinterlassen. Die Wünsche, die uns in 
jener Zeit am Herzen lagen und deren wir uns höchstens in 
unvollkommener Weise erinnern, sind nicht gänzlich ausge- 
tilgt, sondern nur verdrängt worden und leben in imseren 
Traumphantasien fort. Alles dieses trifft auch auf die 
Mythen zu. Sie entstammen der vorhistorischen 
Zeit des Volkes, aus der keine bestimmten Über- 
lieferungen auf uns gekommen sind. Sie ent- 
halten Erinnerungsreste aus seiner Kindheit. 
Läßt sieh aber auch die Wunscherfüllungstheorie vom Traume 
auf den Mythus übertragen ? 

Ich behaupte dies und formuliere meine Ansicht in An- 
lehnung an Freuds Traumlehre wie folgt: Der Mythus 
ist ein Stück überwundenen infantilen Seelen- 
lebens des Volkes. Er enthält (in verschleierter 
Form) die Kindheitswünsehe des Volkes. 

Wichtige Beweise für diese Anschauung haben wir be- 
reits kennen gelernt, als wir gewisse Mythen mit »typischen« 
Träumen verglichen. Wir erkannten, daß in der Ödipussage 
ganz wie in gewissen Träumen die infantile Sexualität zum 
Ausdruck kommt. Aus der Sexualübertragung des Sohnes 
auf die Mutter entstehen Wünsche, die ebenso wie viele 
andere der Verdrängung anheimfallen. Die Erziehung des 
Menschen ist nichts als ein erzwungenes, systematisches Ver- 
drängen angeborener Regungen. 



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UND MYTHUS. 87 



In der Jugendzeit eines Volkes, da noch natürlichere 
Verhältnisse obwalten, da die Konvention noch keine starren 
Formen angenommen hat, konnten jene Regungen realisiert 
werden. Ein späteres Zeitalter unterdrückte sie durch einen 
Vorgang, welchen wir der Verdrängung beim Individuum 
durchaus an die Seite stellen können. Aber sie erstarben 
nicht gänzlich, sondern erhielten sich im Mythus. Dieser Vor- 
gang, für den ich den Namen »Massenverdrängung« vor- 
schlagen möehte, ist Schuld daran, daß das Volk den ur- 
sprünglichen Sinn seiner Mythen nicht mehr versteht, ganz 
wie wir unsere Traume nicht ohne weiteres verstehen.^) 

Es scheint, daß ein Volk in denjenigen Mythen, welche 
sich mit seiner frühesten Kindheit beschäftigen, solche 
Wünsche zum Ausdruck bringt, die es am stärksten zu ver- 
drängen gewohnt ist. Betrachten wir die biblische Schilde- 
rung des Paradieses! Freud hat sie mit treffenden Worten 
charakterisiert: j*Das Paradies ist nichts anderes als die 
Massenphantaaie von der Kindheit des einzelnen«. Die Genesis 
erzählt von Adam und Eva mit besonderem Nachdruck, daß 
sie nackt waren und sieh dessen nicht schämten. Wir wissen, 
daß die Sitte der Juden die Bedeckung des Körpers streng 
verlangte. Die Verletzung dieser Sitte wird in den biblischen 
Erzählungen stets besonders getadelt. Zu der Massenphantasie 
von der Nacktheit der ersten Menschen finden wir wiederum 
in einem typischen Traume eine Parallele. Wir alle träumen 
gelegentlieh, daß wir in sehr mangelhafter Bekleidung ein- 
hergehen, uns sogar unter Menschen bewegen, die aber von 
unserem Zustand keine besondere Notiz nehmen. Der Angst- 
affekt, der diesen Traum zn begleiten pflegt, entspricht der 
starken Verdrängung des infantilen Wunsches, sich vor an- 
deren nackt zu zeigen. Freud hat den Nachweis, daß es 
sich in diesem Traume um eine infantile Nacktheitsphantasie 



') Daß das Volk seine eigenen Mythen nicht mehr versteht, kann nicht 
darauf zurückgeführt werden, daß es sie teilweise von anderen Völkern über- 
nommen hat. Ea kann sie nur deshalb übemommen haben, weil ea seine 
eigenea Komplese darin fand. Gerade diese werden aber verdrängt. Außer- 
dem äodiert jedei Volk übercommene Mythen ab ; es tnüäte dann weni^tena 
den Sinn d^r Änderungen verstehen; dies ist aber nicht der Fall. 



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U TRA.UM 



handle, ausführlich erbracht (Traumdeutung S. 166 f.). Er 
erinnert daran, daß Kinder eine große Freude daran haben, 
sich vor anderen Kindern oder auch Erwachsenen nackt zu 
zeigen oder vor ihnen zu exMbieren. Es gibt Menschen, bei 
denen diese infantile Abirrung des Geschlechtstriebes sich in 
abnormer Stärke erhält und die normale Betätigung desselben 
TÖllig bei Seite drängt; daä sind die Exhibitionisten. 

Die in sexueller Be2iehung sehr rigorose Ethik der Juden 
verlangte, daß die Massenphantasie von der Nacktheit in die 
früheste Kindlieit des Menschengeschlechtes verlegt wurde. 
Die Griechen, welche sich der Nacktheit in weit geringerem 
Grade schämten, brauchten weniger weit zurückzugreifen. 
Freud hat darauf hingewiesen, daß die Sage von Odysseus 
und Nausicaa das gleiche Thema behandelt. Er stellt sie 
daher in Parallele mit den oben erwähnten Nacktheitsträmnen. 

Die griechische Prometheussage entspricht der bibli- 
schen Erzählung von der Erschaffung der ersten Menschen. 
Wie wir sahen, unterscheidet sie sich von ihr durch das 
Fehlen eines der Nacktheitsphantasie entsprechenden Bestand- 
teils. Sie enthält dagegen die Erzählung vom Feuerraub, für 
welche die biblische Darstellung kein Korrelat bietet. Wir 
haben nun zu untersuchen, welche verdrängten Massenphanta- 
Bien oder Wünsche in der griechischen Anthropogonie zum 
Ausdruck gebracht sind, speziell auch, welches in dieser Hin- 
sieht die Bedeutung des Feuerraubes ist. Um zu diesem Ziele 
zu gelangen, müssen wir uns aber zunächst noch mit gewissen 
allgemeinen Eigenschaften des Mythus beschäftigen, und zur 
Erklärung dieser wiederum auf Freuds Traumtheorie zurück- 
greifen, 

Freud erklärt jeden Traum für egoistisch. Wir 
haben ja alle unsere egoistischen Triebe unterdrücken lernen 
müssen. Der Mehrheit zuliebe, aus sozialen, familiären und 
anderen Gründen mußten wir sie verdrängen. Wenn nun, wie 
im Traume, das Unbewußte zu Wort kommt, so setzen jene 
verdrängten Regungen sich durch. Freilich müssen sie sich 
sorgfältig maskieren; denn am offenen Auftreten werden sie 
durch die Zensur gehindert. Der Egoismus des Traumes 
äußert sich darin, daß der Mittelpunkt des Traumes stets der 



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UND MYTHUS. 39 



Träumer selbst ist. Dies ist freilich nicht in dem Sinne auf- 
zufassen, als sähe der Träumer im Tratune stets sich selbst 
als Mittelpunkt der Traumvorgänge. Sehr oft folgt er sozu- 
sagen dem Schauspiele nur als Zuschauer, Dann aber wird 
er selbst durch den Akteur der Titelrolle vertreten. Diese 
Rolle fällt einer Person zu, die mit dem Träumer eine Eigen- 
schaft, ein Erlebnis oder dergleichen gemeinsam hat. Der 
Träumer identifiziert sich mit der Hauptperson 
des Traumes. So wird der Anschein erweckt, als sei die 
Hauptperson des Traumes auch der Mittelpunkt des Traumes. 
Tatsächlich bedeutet die Identifizierung ein »Gleichwie« 
(Freud, Traumdeutung, S. 216). Aber die Partikel »Gleich- 
wie« fehlt der Sprache des Traumes; der Traum kann einen 
Vergleich nur ausdrücken, indem er eine Person oder einen 
Gegenstand durch eine Analogie ersetzt. Daß das Ziel des 
Traumes — eine Wunscherfüllung — ebenfalls durchaus egoi- 
stisch ist, haben wir im Anschluß an Freuds Erörterungen 
schon oben festgestellt. Im gleichen Sinne egoistisch sind jen# 
anderen psychischen Gebilde, die wir mit dem Traume in 
Parallele gesetzt haben. Es würde hier zu weit führen, dies 
etwa für die hysterischen Dämmerzustände zu erweisen. 
Klarer liegen die Verhältnisse bei den mit Wahnbildung ver- 
bundenen chronischen Geistesstörungen. Auch die Psychose 
ist durchaus egoistisch. Der Kranke ist unter allen Umstän- 
den Mittelpunkt seines Wahnsystems. Er ist Intriguen, Be- 
einträchtigungen, Verfolgungen aller Art ausgesetzt, die von 
allen Seiten gegen ihn ins Werk gesetzt werden. Seine Arbeits- 
genossen wollen ihn beseitigen^ ein Heer von Detektivs be- 
lauert ihn- Er ist der Eine, Einsame, Gerechte, dem eine 
Welt der Ungerechtigkeit und Mißgunst den Krieg erklärt 
hat. Er stellt sich in Gegensatz zur Welt. So enthält jeder 
Verfolgungswahn implicite einen Größenwahn. Die Psychiatrie 
pflegt freilich im allgemeinen von Größenwahn erst dann zu 
reden, wenn eine bestimmte Größenidee geäußert wird. 
Wir tun daher besser, in jenem allgemeineren Sinne von 
einem Größenkomplex zu sprechen. Hören wir einen 
Geisteskranken sein Wahnsystem erzählen, so erinnert es uns 
durch seinen Aufbau an die Sagenkreise der Mythologie, die 



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40 TEAUM 



sich um bestimmte Gestalten gebildet haben. Das Wahnsystem 
eines Geisteskranken ist wie ein Mythus, in dem er seine 
eigene Größe feiert. Es gibt Geisteskranke, welche behaupten, 
eine bestimmte, historisch berühmte Persönlichkeit zu sein, 
etwa Napoleon oder Bismarck. Ein solcher Geisteskranker, 
der zwischen sich und Napoleon irgend eine Analogie findet, 
identifiziert sich ohne weiteres mit Napoleon — ganz wie 
wir es im Traume zu tun pflegen. Der Psychose fehlt das 
»Gleichwie« ebenso wie dem Traume. Gehen wir mehr ins 
einzelne^ so finden wir reichlich Beweise für die Richtigkeit 
dieses Vergleiches. Geisteskranke verlegen z. B. häufig ihre 
Wahnideen, speziell ihre Größenideen, in ihre Kindheit zurück. 
Ich verweise besonders auf die Abkunfts- Wahnideen, weil sie 
für die weitere Analyse der Prometheussage von großem 
Interesse sind. Fälle dieser Art sind jedem Irrenarzt bekannt. 
Ein Patient behauptet etwa, die Leute, deren Namen er trage, 
seien nicht seine wirklichen Eltern ; er sei tatsächlich der 
Sohn einer fürstlichen Person, habe aus einem geheimnis- 
vollen Grunde beseitigt werden sollen und sei deswegen als 
Kind seinen »Eltern« zur Pflege übergeben worden. Seine 
Feinde wollen nun die Fiktion aufrecht erhalten, daß er 
niederer Abkunft sei, um seine berechtigten Ansprüche auf 
die Krone oder große Reichtümer zu unterdrücken. 

Diese Abkunfts-Wahnideen erinnern uns wieder an die 
infantilen Tagtränme, in denen der Knabe ein Prinz oder 
König ist, und durch seine Siege den Ruhm aller anderen 
in den Schatten stellt. Der Wunsch, etwas Großes zu werden, 
wird durch die Phantasie von der königlichen Abkunft be- 
friedigt. Denn in der kindlichen Phantasie ist doch ein Prinz 
ohne weiteres dazu prädestiniert, die Bewunderung aller Welt 
zu erregen. Das sehnliehe Ziel eines geistig regen Kindes ist 
es, groß zu werden — im Doppelsinn des Wortes. Es scheint 
mir, daß wer immer als Erwachsener besonderes leistet oder 
zu leisten sich einbildet, in der Kindheit einen Größenkomplex 
in seiner Brust getragen hat. Die Phantasien, welche er in 
der Kindheit ersann, vergaß er später. Der Komplex aber, 
in dessen Dienst jene Phantasien standen, stirbt nicht vor 
dem Menschen. Sieht er im vorgeschrittenen Alter seine 



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UND MYTHUS. 41 



Ambitionen nicht erfüllt, dann verlegt aucli der Gesunde 
seine WunscherfüUungen nicht selten in die Kindheit znrüok 
und wird zum laudator temporis acti. 

Der Kindheit eines Volkes ist dieser Größen komplex 
ganz in gleicher Weise eigen wie der Kindheit eines Indi- 
viduums; auch im »historischen«; Zeitalter eines Volkes ver- 
schwindet er nicht spurlos, wie wir dies auch beim Individuum 
feststellen konnten. Auch im Mythus findet eine Identifikation 
statt. Das Volk identifiziert sich mit der Hauptgestalt des 
Mythus. Das »Gleichwie« ist auch ihm noch fremd. ^) 

Jedes Volk hat den Anfang seines Daseins mit einem 
Mythus umgeben, der uns an die Abkunftswahnideen Geistes- 
kranker in überraschender Weise erinnert. Jedes Volk will 
von seinem Hauptgott abstammen, von ihm »erschaffen« sein. 
Erschaffung ist nichts als eine des Sexuellen entkleidete 
Zeugung. Mit wundervoller Klarheit geht dies aus Kuhns 
Deutung der Prometheussage hervor. Prometheus »erschafft« 
die Menschen ; er ist aber, wenn wir seiner Geschichte nach- 
forschen, der Bohrende, Zeugende und zugleich der Feuer- 
gott. Aus den Veden erfahren wir von verschiedenen Priester- 
geschleehtem, die im Dienste des Feuergottes Agni standen 
und alle ihre Herkunft vom Feuer ableiteten! Die Namen 
dieser Priestergeschlechter (Angirasen, Bhrgu n, a.) bedeuten 
selbst wieder Feuer oder Flamme. So leitet der Mensch seine 
Herkunft von den Göttern her, die er sich selbst geschaffen, 
vom Feuer, das er zum Gotte erhoben hat, von der Welt- 
esche, von der ihm das Feuer gekommen ist. Askr, die Esche, 
ist in der nordischen Sage der Stammvater des Menschen- 
geschlechtes, So hat der Mensch in Urzeiten seinen GröBen- 
komplex an den Himmel projiziert. Welch unbedeutende 
Epigonen sind doch unsere Geisteskranken, die sich mit der 
Abkunft von einem Großen dieser Erde begnügen, und wir 
selbst, die wir in unseren Kindheitsphantasien das gleiche 
taten ! 



^) Steinthal (»Die Sage von Simson«, Zeitschrift für Völberpsychol, 
und SpraehwisBeuBciiaft, Bd. 2, 1862) erlilärt, das Wörtchen Gleichwie habe 
den größten Umschwung in der geistigen Entwicklung der Menecbheit her- 
TorgebrachL ' 



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42 TRAUM 



Die Prometheussage ist auch sonst reich an Beispielen 
für die Identifikation. Es braucht nur an die Identifikation 
von Bohrer, Blitz und Mensch erinnert zu werden, — Ist 
der Mensch von einem Gotte gezeugt, so ist auch er göttlich 
oder der Gott zugleich menschlich. Der Mensch identifiziert 
sich also mit der Gottheit. So ist es in der älteren Form der 
Prometheussage; erst eine spatere Zeit setzte an die Stelle 
der Zeugung die Erschaffung. 

Die alttestamentliche Schöpfungsgeschichte bildet nur 
scheinbar eine Ausnahme. Die Erzählung der Genesis läßt 
freilich den Menschen nicht von seinem göttlichen Schöpfer 
abstammen. Gott erschafft den Menschen nach seinem 
Bilde; hier ist im manifesten Inhalt der Erzählung an Stelle 
der Identifikation eine Ähnlichkeit getreten. Die Abstammung 
Israels wird von den Erzvätern hergeleitet. Die vergleichend- t 

mythologischen Untersuchungen ergeben aber, daß die Erz- 
väter umgewandelte Gestalten einer heidnischen Götterwelt 
sind. Also leitet ursprünglich auch Israel seine Abstammung 
von einem göttlichen Wesen her. Diese Anschauung mußte j 

sich später dem Monotheismus anpassen. Nun treten die alten 
Stammgötter in den Dienst des einzigen Gottes, Der National- 
stolz rauBte sich nun damit begnügen, die Erzväter in ein 
besonders nahes Verhältnis zu ihrem Gotte zu bringen. Gott 
tritt in persönlichen Verkehr mit ihnen, spricht zu ihnen 
und schließt sogar einen Bund mit ihnen, der auf ihre Nach- 
kommen übergehen soll; diese fühlen sich dadurch wieder 
ihrem Gotte besonders nahestehend, 

VI. Die Wirkungen der Zensur im Traum und Mythus. 
Die Verdichtungsarbeit. 

Wir lernten bereits den Begriff der Zensur kennen, 
Ist im Traume die vom Bewußtsein ausgeübte Verdrängung 
auch beseitigt, so werden die entfesselten Wunsche doch ge- 
hindert, ganz offen hervorzutreten- Die Zensur gestattet den 
verdrängten Vorstellungen nicht den Ausdruck durch klare, 
eindeutige Worte, sondern zwingt sie, in einem fremdartigen 
Gewand aufzutreten. Durch diese Traumentstellung 



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UND MYTHUS. 43 



wird der eigentliche (latente) Trauininhalt in den manifesten 
verwandelt. Die latenten Tranmgedanken sind, wie Preud 
gezeigt hat, bereits im wachen Zustand auf dem Wege un- 
bewußter Gedankentätigkeit präformiert. Der Traum bildet 
keine neuen Gedanken, er formt die im Wachen präformierten 
Gedanken nur den Anforderungen der Zensur entsprechend 
um. Freud unterscheidet vier Wege, auf denen sich diese 
Arbeit vollzieht. Wir haben nun zu prüfen, ob im Mythus 
ähnliche Verhältnisse vorliegen, ob auch hier eine Zensur 
wirkt und ob der Mythus die nämlichen Darstelluugsmittel 
zu ihrer Umgehung anwendet wie der Traum. Wir können 
auch hier die Prometheussage als Paradigma benützen, wer- 
den aber an gewissen Stellen noch andere Mythen in den 
Kreis unserer Betrachtung ziehen müssen. 

Von den Einzelvorgängen der Traumarbeit fassen wir 
zunächst die »Verdichtung« ins Auge. Wir haben sie 
auch bereits in der Prometheussage kennen gelernt, sind aber 
damals nicht näher auf sie eingegangen. Es fiel uns auf, daß 
die Prometheussage, die auf den ersten Blick so einfach er- 
scheint, in ihren wenigen Worten einer großen Zahl von 
Ideen Ausdruck gibt. Die letzteren bilden, wie wir schon 
sahen f den latenten Inhalt des Mythus. Ein Element des 
manifesten Trauminhaltes enthält sehr häufig nicht einen 
Traumgedanken, sondern mehrere. Ganz ähnlich liegen die 
Verhältnisse im Mythus. Wenn die wenigen Worte der Sage 
alle jene Gedanken enthalten sollen, die Kuhns Arbeit uns 
kennen gelehrt hat, so muß sozusagen jedes Wort »über- 
determiniert« sein, ganz wie dies im Traume der Fall 
ist. Die Traumdeutung vermag den Beweis zu erbringen, 
daß eine im Traume auftretende Person mehrere der Wirk- 
lichkeit angehörende vertreten kann. Zum Beispiel ist es 
nichts Seltenes, daß eine der Traumfiguren das Gesicht einer 
dem Träumer bekannten Person, die übrige Gestalt aber von 
einer anderen hat. Der Träumer bringt dadurch jene zwei 
Personen in eine Beziehung zueinander, etwa weil sie in 
einem wichtigen Punkte übereinstimmen. Jedes Vorkommnis 
im Traume kann ebenfalls mehrfach determiniert sein. Bei 
der Traumanalyse müssen wir daher stets die Mehrdeutigkeit 



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44 TRAUM 



berücksichtigen ; Jedes Wort der Traumerzählung kann einen 

doppelten oder mehrfachen Sinn in sich begreifen. ' 

Wie die Elemente des Traumes, so sind auch 
die Elemente des Mythus überdeterminiert. Die 
griechische Prometheussage verdankt ihre Form einem groß- 
artigen Verdichtungsprozeß. Die Gestalt des Prometheus ist, 
wie wir aus der Analyse ersehen, verdichtet aus drei An- 
schauungen. Nach der einen ist er der Feuergott, nach 
der zweiten das Feuer, nach der dritten der Mensch. Aus 
diesen Vorstellungen hat sich die Sage vom Feuerraub ver- 
dichtet. SteinthaP) hat dieses überaus wichtige Ergebnis 
der Kuhn sehen Analyse mit großer Prägnanz zu einem Satze 
zusammengefaßt; »Nachdem der Feuergott als Mensch 
vom Himmel herabgekommen ist, holt er als 
Mensch oder alsGott sich selbst alsGott oder als -| 

göttliches Element auf dieErde und schenkt sich 
als Element an sich selbst als Menschen.* 

Wer mit Hilfe des Freud sehen Verfahrens Träume zu 
analysieren gewohnt ist, dem wird die innere Verwandtschaft 
von Traum und Mythus aus der Gemeinsamkeit des Verdich- 1 

tungsvorganges besonders einleuchten. Er wird in scheinbar 
unbedeutenden Einzelheiten des Mythus Verdichtungen er- 
kennen, wie sie ihm ganz analog in den Träumen begegnet 
sind. Kuhns Analyse erbringt für fast alle Elemente der 
Prometheussage, für jedes einzelne Symbol den Nachweis der 
mehrfachen Determination. Ich erinnere nur daran, wie zum 
Beispiel in dem himmlischen Vogel die verschiedensten sym- 
bolischen Funktionen verdichtet sind. 

Der Verdichtungs arbeit verdanken die seltsamen Wort- 
neubildungen des Traumes ihre Entstehung. Freud gibt 
(Traumdeutung, S. 202 f. sowie an anderen Stellen) interessante 
Beispiele dieser Art nebst ihrer Deutung. Wortneubildungen 
ganz ähnlicher Art liefern Geisteskranke. ^) Aber auch der 
gesunde Mensch produziert sie im Wachen, wenn er »sich 
verspricht«. Beispiele hiefür finden sieh besonders in 



■) ß t e i n t h a 1, Die Prometheussage in ihrer ursprünglichen Gestalt, Seite 9. 
*J Jung, Psychologie der Dementia praecox. Halle 1907. 



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UND MYTHUS. 4& 



Freuds »Psychopathologie des Alltagslebens«, Ich möchte 
aus dem dort niedergelegten Material nur eines mitteilen. ^) 

»Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester : Mit den D; 
bin ich jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie 
antwortet: Überhaupt eine saubere Lippschaft. Sie wollte 
sagen: Sippschaft, aber sie drängte noch zweierlei in dem 
Sprechirrtum zusammen, daß ihr Bruder einst selbst mit der 
Tochter dieser Familie einen Flirt begonnen hatte und daß 
es von dieser hieß, sie habe sich in letzter Zeit in eine ernst- 
hafte, unerlaubte Liebschaft eingelassen.« 

Die gleichen Wortverdichtungen, wie sie dem gesunden 
Individuum aus »Versehen« und im Traume begegnen, und 
wie sie der Geisteskranke bildet, bietet uns die Prometheus- 
sage, Pramantha (:= Prometheus) bringt durch Reiben 
das Feuer und — den Menschen hervor; nach einer anderen 
Vorstellung raubt er das Feuer, um es den Menschen zu 
bringen. Diese beiden Anschauungen sind in dem Namen 
Pramantha verdichtet. Pramantha heißt der »Hervorreibende«, 
d. h. der durch Keiben hervorbringt, und zugleich der (das 
Feuer) Raubende. Diese Verdichtung wird ermöglicht durch 
die Klangähnlichkeit des Substantivs matha (= das männ- 
liche Glied, vgl. das lateinische mentula) und der Verbal- 
wurzel math (^ nehmen, rauben). Nebenbei ist noch der 
Doppelsinn von Reiben zu beachten. 

VII. Verschiebung und sekundäre Bearbeitung in Traum 

und Mjrtlius. 

Durch die Verdichtung erklärt sich wie im Traume so im 
Mythus eine große Anzahl der zwischen latentem und mani- 
festem Inhalt bestehenden Differenzen. Eine zweite Methode, 
deren sich unser Unbewußtes zur Traumentstellung bedient, 
ist die von Freud so genannte Verschiebung, Auch 
dieses Stück der Traumarbeit findet im Mythus sein Analogon. 
Aus Gründen, welche alsbald ersichtlich werden sollen, be- 
handle Ich die Verschiebung mit einem dritten Stück der 
Traumarbeit, der »sekundärenBearbeitung«, gemeinsam. 

1) Zweite Auflage, 1^7, Seite 30 f. 



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46 TRÄUM 



Als wir unsere Betrachtungen über die Analogien von 
Tramn und Mythus begannen^ lag es uns ob^ zunächst die 
Berechtigung zu einem solchen Vorgehen zu erweisen. Wir 
konnten zwei Einwände leicht entkräften, während wir einen 
dritten vorläufig unerledigt ließen. Auf ihn müssen wir nun- 
mehr zurückgreifen. Der Mythus, so kann man einwerfen, 
hat nach dem Ergebnis der neueren Forschung bedeutende 
Wandlungen durchgemacht, ehe er diejenige Form annahm, 
in welcher er uns überliefert ist, wahrend der Traum ein 
sehr flüchtiges, nur für den Augenblick geborenes Gebilde 
zu sein scheint. Dem ist nur scheinbar so. Der Trauminhalt 
ist tatsächlich ebenfalls von langer Hand vorbereitet. Wir 
verglichen die Lebensperioden des Mengchen mit denjenigen 
des Volkes und fanden, daß Traum und Mythus in einer vor- 
historischen Zeit wurzeln. Wir sahen, daß die Traumbestand- 1 
teile schon im Wachen präformiert waren. Jetzt fügen wir ' 
hinzu: Die Entwicklung des Traumes ist mit dem Erwachen 
des Träumers nicht abgeschlossen. Auch jetzt dauert die 
Konkurrenz der traumbildenden Vorstellungen und Wünsche 
mit der Zensur an. Während wir versuchen, uns einen 
Traum ins Gedächtnis zurückzurufen, besonders aber wenn 
wir ihn einer anderen Person erzählen, nimmt die Zensur 
noch nachträgliehe Veränderungen vor, um die Traument- 
stellung noch vollständiger zu machen. Dies ist die von 
Freud so genannte »sekundäre Bearbeitung«.^) Sie ist lediglich 
eine Fortsetzung der im Traume geleisteten Verschiebungs- 
arbeit. Beide Vorgänge sind wesensgleich und dienen dem 
gleichen Zwecke. Sie verschieben Inhalt und Affekt des 
Traumes, Diejenigen Elemente, welche in den Traumgedanken 
eine hervorragende Bedeutung besitzen, erhalten im Traume 
eine mehr sekundäre Rolle, während irgend eine Neben~ 
sächlichkeit auf das Breiteste behandelt wird. Dadurch wird, 
wie Freud es ausdrückt, eine »Umwertung aller Werte« im 
Traume vorgenommen. Das Unbedeutende wird anstatt des 

') Ich berücksichtige hier nur diejenigen ÄuBerungen der sekundären 
Bearbeitung, welche beim Versuch der Eeproduktion dea Traumes in die Er- 
BCheinimg treten ; dieae aind für den Vergleich mit dem Mythus von besondrer 
Bedeutung. Auf die andern Wirkungen der sekundären Bearbeitung, welche 
schon wäbrend des Traunjefl dessen Gestalt beeinflussen, gehe ich nicht ein. 



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UND MYTHUS. 47 



Bedeutenden In den Brennpunkt des Interesses gerückt, und 
die mit den Traumgedanken verbundene Affektbetonung vom 
Bedeutenden auf das Unbedeutende verschoben. Beides 
wiederholt sich bei der sekundären Bearbeitung nochmals. 
Gerade die kritischen Stellen des Traumes verfallen nach 
dem Erwachen am schnellsten und im stärksten Grade wieder 
der Verdrängung, wodurch ihre Reproduktion erschwert wird. 
Auch der Affekt erleidet dabei nochmals eine der vorherigen 
ähnliche Modifikation. 

Lag dem Traume ein Komplex von starkem Gefühlswert 
zu Grunde, so pflegt derselbe Komplex sich alsbald — in 
der gleichen oder in einer folgenden Nacht -^ in weiteren 
Träumen zur Geltung zu bringen. Diese weiteren Träume 
tendieren nach der gleichen Wunscherfüllung wie der erste, 
sie ziehen nur neue Ausdrucksmittel, andere Symbole, neue 
Nebenassoziationen in ihren Bereich. Ein starker Komplex 
kann sich durch Jahre in Form eines wiederkehrenden Traumes 
äußern. In dieser Hinsicht braucht nur an die oben aus- 
führlieh behandelten typischen Träume erinnert zu werden, 
zum Beispiel an den typischen infantilen Naektheitstraum. 
Wieder vermitteln uns die typischen Träume den Übergang 
von der Betrachtung des Traumes zum Mythus. Mutatis 
mutandis erkennen wir den gleichen psychologischen Vorgang 
darin, daß der gleiche Traum ein Individuum durch ver- 
schiedene Lebensalter begleitet und sich dabei allmählich 
durch Aufnahme neuer Elemente verändert, und daß ein 
Mythus in verschiedenen Lebensperioden eines Volkes all- 
mähliche Modifikationen erleidet. 

Nun sind die Zeiträume, in denen sich ein Mythus ent- 
wickelt, naturgemäß unendlich viel größer als beim Traume. 
Ferner können wir uns von einer Person, der wir einen 
Traum deuten wollen, Auskunft über zweifelhafte Punkte 
verschaffen. Einen Mythus zu analysieren, ist demgegenüber 
außerordentlich erschwert, weil wir darauf angewiesen sind, 
durch Vergleichen und Kombinieren in ein psychologisches 
Gebilde, das vor Tausenden von Jahren entstand, einzu- 
dringen. Nach so langen Zeiträumen wird es sieh nur in 
wenigen besonders günstig gelegenen Fällen ermitteln lassen, 



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48 TEAUM 



welcher Anteil an der Verschiebungsarbeit der Zeit zufällt, 
in welcher der Mythus sich fixierte, und welcher der späteren 
Zeit, in der er von Geschlecht zu G-eschlecht mündlich über- 
liefert wurde. Neue Generationen hatten neue Anschauungen. 
Da, wo eine Überlieferung ihren Anschauungen nicht mehr 
entsprach, nahm jede Generation mit dem Mythus eine 
^'Sekundäre Bearbeitung«; vor. Wir dürfen auch nicht ver- 
gessen, welch weitgehenden Einfluß auf die mythischen Über- 
lieferungen eines Volkes die Mythen der Nachbarvölker aus- 
üben. Aus allen diesen Gründen hieße es den Tatsachen 
Gewalt antun, wollten wir beim Mythus eine künstliche Tren- 
nung von Verschiebung und sekundärer Bearbeitung vor- 
nehmen. Ich lasse es, wenn ich im folgenden von der Ver- 
schiebungsarbeit im Mythus spreche, jeweilen dahingestellt, 
ob es sich um eine primäre oder um eine sekundäre Ver- 
schiebung handelt. 

VIII. Die Wirkungen der Versctiiebungsarbeit in den 
Sagen von Prometheus, Moses, Simson. 

Den Wirkungen der Verschiebungsarbeit im Mythus sind 
wir auf unserem Wege schon wiederholt begegnet, ohne daß 
wir ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Die 
griechische Prometheus sage trägt deutliche Spuren einer 
Verschiebungsarbeit. Wie wir aus Kuhns Untersuchungen 
erfahren haben, wurzelt dieser Mythus in einer Zeit, welche 
die Naturkräfte noch nicht in der Form menschenähnlicher 
Götter verehrte. Mit der allmählich Platz greifenden Personi- 
fizierung der Götter entstanden Agni und Matharichvan. 
Ersterer war das Feuer, der Feuergott; letzterer der das 
Feuer hervorbohrende Gott, der den Agni wieder zurück- 
holte, wenn er sich verborgen hatte. Beide Gestalten sind 
ursprünglich nicht getrennt ; Matharichvan erscheint vielmehr 
geradezu als Beiname Agnis und löst sieh erst später als 
selbständiges Wesen von ihm ab. 

Matharichvan, dem der griechische Prometheus entspricht, 
war also eigentlich der Feuer ho 1er. Im griechischen Mythus 
wird er zum Feuer r ä u b e r. Er holt den Menschen das Feuer 
vom Himmel gegen den Willen der Götter und erleidet dafür 



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UND MYTHUS. i» 



seine Strafe. Prometheus muß sich also dem Willen des Zeus 
unterordnen; darin liegt die wichtigste Verschiebung der 
Sage. Dem ursprünglichen Mythus, nach welchem Mata- 
richvan-Prometheus den Agni zurückholt, fehlt die Affekt- 
hetonung in Form eines Tadels für dieses Unterfangen. Die 
griechische Version des Mythus nimmt hier eine Affektver- 
schiebung vor. Prometheus, der gegen die Götter sündigt, 
wird so zum Vertreter des Menschen, der sich ja auch oft 
genug gegen den Ratschluß der Götter auflehnt. Durch diese 
Umgestaltung der Sage ging der ursprüngliche Sinn des 
Namens Prometheus-Pramantha verloren. Die alte naive Zeit 
hatte ihn den Zeugenden, Bohrenden genannt. Diese An- 
schauung verfiel der Verdrängung, bis das Volk den Sinn 
des Namens völlig vergessen hatte. Er wurde ein wenig zu- 
rechtgestutzt und nun deutete man ihn sekundär als den 
»Vorsorgenden«. Hatte er doch seinen Geschöpfen das Feuer 
gebracht und sich dadurch einen solchen Namen redlich er- 
worben! Die Verwandlung des Namens Pramantha in Pro- 
metheus und die damit verbundene Änderung seines Sinnes 
bieten uns ein sehr instruktives Beispiel der Verschiebung. 
Der Verschiebungsvorgang in der Prometheussage ge- 
winnt noch bedeutend an Interesse, wenn wir auch dem bis- 
her nicht beachteten Teil des Kuhn sehen Werkes unsere 
Aufmerksamkeit zuwenden. Kuhn behandelt neben den 
Mythen von der Herabkunft des Feuers die mit diesen 
nahe verwandten von der Herabkunft des Göttertranks. 
Ich kann auf den gemeinsamen Ursprung dieser Mythen hier 
noch nicht genauer eingehen, ohne daß wir zu sehr vom 
Thema abkommen. Ich begnüge mich daher mit dem einen 
Hinweis, daß unter anderem der gemeinsame Ursprung von 
Blitz und Regen aus der Wetterwolke Veranlassung abgegeben 
hat, Feuer und Göttertrank im Mythus auf einen gemein- 
samen Ursprung zurückzuführen. Uns interessiert hier am 
meisten ein Ergebnis der vergleichenden Mythologie : Daß 
dem Prometheus der griechischen (respektive indogerma- 
nischen) Sage der Moses der Bibel entspricht. Vergleichen 
wir den Gesetzesbringer Moses mit dem Feuerbringer Pro- 
metheus auf Grund der Erzählung des Alten Testaments und 

Abraham^ Traum und Uythofl. <i 



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ftO THAUM 



der Darstellung des Aeschylos, so seheinen freilich die beiden 
Gestalten sehr wenig Gemeinsames zu haben. Die Erzählung 
von Moses trägt jedoch ebenso wie die von Prometheus die 
Spuren einer erheblichen Verschiebung. "Wir müssen den alten 
mythischen Moses vom biblischen wohl unterscheiden. Der 
biblische Moses steigt, wie Prometheus, in den Himmel und 
holt — wie jener das Feuer — das Gesetz herab. Unter Blitz 
und Donner steigt er hinan ; hier kehrt das Gewitter wieder. 
Es ist wohl auch nicht Zufall, daß das Gesetz ein »feuriges« 
genannt wird. Im allgemeinen sehen wir Moses stets als 
treuen Diener des einzigen Gottes ; während Prometheus durch 
den Feuerraub mit den Göttern in Konflikt gerät, nimmt 
Moses das Gesetz aus der Hand Gottes in Empfang, so daß 
hier ein Konflikt ausgeschlossen ist. Die Auflehnung Mosis 
gegen Gott findet sich an einer anderen Stelle. Die dem 
Moses entsprechende Gestalt des heidnischen Mythus bringt 
durch den Blitz aus der Wolke das Wasser hervor. Moses 
ist mit einem Analogon des Blitzes oder des Bohrers des 
heidnischen Mythus ausgestattet: mit dem Stabe, diesem in 
zahllosen Sagen immer wiederkehrenden Symbol. Mit diesem 
Stabe schlägt er in der Wüste Wasser aus dem Felsen — 
gegen den Befehl des Herrn (IV. Mos., Kap. 20). Für seinen 
Ungehorsam wird Moses bestraft : Er darf nicht in das Ge- 
lobte Land einziehen. Moses raubt also nicht das Wasser, 
sondern er schlägt nur an den Fels und ruft aus diesem das 
Wasser hervor. Nach dem Befehl Gottes sollte er zum Felsen 
sprechen; die Ungeduld riß ihn hin, den Felsen zu schla- 
gen. Die Verschiebung ist hier außerordentlich weitgehend : 
Nicht genug, daß Moses ein einfacher Mensch, ein Diener 
Gottes wird — er begeht sogar nicht einmal einen Raub, wie 
Prometheus, sondern ruft das ihm zugesagte Wasser nur in 
voreiliger Weise hervor. Damit ist Mosis Schuld auf eine 
relativ geringe Sünde verschoben. Zugleich wird Gottes 
Macht dadurch gehoben, daß er auch eine relativ geringe 
Sünde nicht ungestraft läßt. 

Hier eröffnet sieh uns eine interessante Perspektive auf 
die Entstehung gewisser krankhafter Ideen. Einen 
ganz ähnlichen Vorgang der Verschiebung, von Freud 



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UND MYTHUS. 51 



»Transposition« genannt, finden wir in der Genese der Zwangs- 
vorstellungen. Nach Freuds Forschungen wurzöln die 
Zwangsvorstellungen in Selbst Vorwurf en des Patienten, 
welche eich auf eine verbotene sexuelle Aktivität beziehen. 
Der Patient sucht das, was er nach seiner Auffassung in 
sexueller Hinsicht gesündigt hat, durch höchste Korrektheit 
auf anderen Gebieten zu kompensieren, als hätte er sieh tat- 
sächlich auf diesem indifferenten Gebiet etwas zu Schulden 
kommen lassen, i) 

Auf einen nahe verwandten Vorgang bei Geistesstörungen 
(Dementia praecox, Melancholie) habe ich kürzlich verwiesen.*) 
Auch der Versündigungswahn dieser Kranken läßt sich viel- 
fach auf Selbstvorwürfe sexueller Art zurückführen. Solehe 
Patienten verschieben zuweilen das Schuldgefühl von jenen 
sexuellen Reminiszenzen auf irgend eine unbedeutende Ver- 
fehlung anderer Art. Sie sind von dieser Vorstellung durch- 
aus nicht abzubringen. Wendet man die Freu dachen An- 
schauungen auch auf diese Zustände an, so leuchtet der 
Grund des Verhaltens solcher Kranker ein. Sie wollen das 
Schuldgefühl bei Seite drangen. 

Verschiebungen, wie sie die Erzählung von Moses auf- 
weist, begegnen uns im Alten Testament in großer Zahl, Wir 
finden eben dort viele ursprünglich heidnische Mythen, die, 
als das Volk mehr und mehr zum Monotheismus überging, 
in den Dienst der neuen Religion traten und zu diesem 
Zwecke wesentliche Verschiebungen erleiden mußten. Daß der 
Übergang zum Monotheismus nur ganz allmählich und unter 
heftigen Kämpfen erfolgte, davon legen alle historischen 
Bücher des Alten Testaments Zeugnis ab. Götter oder gott- 
ähnliche Wesen des alten Mythus mußten von ihrem hohen 
Piedestal herabsteigen, mußten sieh mit der Rolle von Men- 
schen begnügen und sich dem einzigen Gotte unterordnen. 
In einigen Fällen geht diese Verschiebung so weit, daß der 
einstmalige Gott als Mensch zu einem besonders treuen An- 



*) Ich kätiti au dieser Steile nicht auf Freu da bezüglicbe Lehre ge- 
nauer eiagahön uud verweise auf die i Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre.« 

^) Abraham, Da3 Erleiden sexueller Traumen etc. 1907. 

4* 



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62 TEAÜM 



hänger, einem Auserwählten des einzigen Gottes wird. Die 
Gestalten der Erzvater und des Moses sind Produkte dieses 
Versehiebungsprozesses. Zum Studium des letzteren eignet 
sich aber ganz besonders die Sage von Simson. Wir besitzen 
eine Bearbeitung dieses Stoffes von der Meisterhand H. S tein- 
thals. ^) loh teile aus ihr nur einige Hauptzüge mit, weil sie 
zu ähnlichen Resultaten führt wie die Analyse der Pro- 
metheussage. 

Simson ist, wie auch etymologisch aus seinem Namen 
hervorgeht, der Sonnengott des alten semitischen Heiden- 
thums und entspricht dem Herakles der indogermanischen 
Sage. Auch dieser ist eigentlich Sonnengott oder -heros; 
die Heraklessage ähnelt der von Simson in einer Reihe von 
wichtigen Zügen. Simson ist der Sonnengott mit den langen 
Haaren, wie Apollo. Er ist der wärmende, zeugende Gott, 
das segenspendende Tagesgestirn ; im Sommer erreicht er die 
Höhe seiner Macht. So sind Winter und Nacht seine natür- 
lichen Widersacher; sie finden ihre Personifikation in der 
Mondgöttin, Wenn am Abend die Sonne sinkt, so flieht nach 
einer bei vielen Völkern verbreiteten Vorstellung der Sonnen- 
gott vor der ihn verfolgenden Mondgöttin. Erreicht er im Som- 
mer seine höchste Kraft, so kann er sich ihrer nicht erfreuen ; 
denn von der Sonnenwende ab büßt er sie wieder ein. Er 
wird von der Nacht- und Wintergöttin besiegt, wie ein starker 
Mann einem Weibe unterliegt. Simson, der zeugende Sonnen- 
gott, erscheint in der Darstellung des Buches der Richter 
dem Weibe gegenüber schwach. Es ist sehr wahrscheinlich, 
daß Delilah eine Umgestaltung der Nacht- und Wiutergöttin 
ist. Simson vertiert seine Kraft, als er seine Haare einbüßt; 
d. h. der Sonnengott verliert seine Strahlen. Aber wie die 
Sonne nach Ablauf des Winters ihre Kraft wiedergeM'innt, 
so wachsen auch dem Simson die Haare wieder, so daß er 
noch einmal seine Stärke wiedererlangt; allerdings nur für 
kurze Zeit. Denn er sucht den Tod und findet ihn bei dem 
Feste, das seine Feinde, die Philister, zu Ehren ihres Gottes 
Dagon feiern, Dagon aber ist der unfruchtbare Gott des 

') Stein th&l, Die Sage von Simson, Zeitachr. für Völkerpsycbol. und 
SprachwiBS., Bd. 2, 1863. 



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UND MYTHUS. &3 



Meeres und der Wüste, im Mythus eine dem Sonnengotte ent- 
gegengesetzte und daher feindliehe Macht, 

Simaon, der Held und der Sonnengott, tötet sich selbst, 
Bas ist ein Zug, den wir auch in den verwandten Mythen 
wieder finden. In der biblischen Erzählung kommt Simsons 
Selbstmord außer beim Feste des Dagon noch ein zweites Mal 
vor, allerdings in einer schwer kenntlichen Form. Der Son- 
nengott vereinigt in sich zwei einander entgegengesetzte 
Tendenzen. Er ist einerseits der wärmende, das Leben för- 
dernde Gott, anderseits der versengende, nnheilstiftende, ver- 
zehrende. Als letzterer wird er durch das Symbol des Löwen 
vertreten; unter dem Zeichen des Löwen erreicht die Sonne 
im Sommer ihre höchste Kraft. Wie Agni und Matarichvan 
ursprünglich ein einziges Wesen sind, später aber zu einander 
entgegengesetzten Mächten werden, so wird auch die ver- 
zehrende Sonnenglut — unter dem Symbol des Löwen — von 
dem segenbringenden Sonnengott abgespalten. Simsons erste 
Heldentat, Herakles' erste Arbeit ist die Überwindung eines 
Löwen. Der gütige Sonnengott tötet den verzehrenden als 
Löwen und damit sich selbst* 

Eine überaus entstellende Verse hieb ungs arbeit hat aus 
dem Sonnengott den gottgeweihten Helden Simson werden 
lassen. Kur wenige, für sich allein nicht verständliche Reste 
seines ursprünglichen Wesens haften ihm noch an : die Kraft, 
die in den Haaren ruht, die Schwäche dem Weibe gegenüber, 
das Ende durch Selbstmord. Der langen Haare wegen wurde 
Simson in der spateren Sage zum j^Nasir«, zum Verlobten 
Gottes, der sein Volk aus der Knechtschaft befreit. Hier 
kommt wahrscheinlich die Identität des Simson und des 
Herakles mit dem phönizischen Melkart, der ein Schutzgott 
seines Volkes war, determinierend in Betracht. Wie der 
Sonnengott der heidnischen Zeit zum gottgeweihten Helden 
wird, ist nicht bis in alle Einzelheiten aufgeklärt ; daß aber 
eine solche Verwandlung stattgefunden hat, läßt sieh aus 
vielen Quellen erweisen. Israel hatte durch Jahrhunderte mit 
den Philistern zu kämpfen und verlor in diesen Kämpfen 
seine Freiheit. Der alte Sonnengott, der ehemals als Gott der 
Fruchtbarkeit und als Feind der verzehrenden Glut einen 



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54 TRAUM 



Wunach des Volkes als erfüllt darstellte, mußte nun als 
Nationalheld einen anderen Wunsch in Erfüllung bringen. 
Wie Moses wird er aus einem Gotte zum Diener des einzigen 
Gottes und wird von Gott dazu ausersehen, seinem Volke zu 
helfen. Er erscheint nicht als Heerführer, sondern stets allein, 
wie die Sonne einsam am Himmel wandert. Er allein schlägt 
die Philister mit des Esels Kinnbacken; noch als er erblindet 
ist, steht er allein den Tausenden der Philister gegenüber 
und nimmt sie mit sich in den Tod. 

IX. Die Darsteüungsmittel des Mythus. 

Nachdem wir die Verdichtungs- und Verschiebungs arbeit 
des Traumes im Mythus wiedergefunden haben, bleibt uns 
noch eine letzte Seite der Tranmarbeit respektive ihr Ana- 
logen im Mythus zu untersuchen. Nicht alle Vorstellungen 
sind für den Traum ohne weiteres darstellbar; das gleiche 
gilt für den Mythus. Freilich besteht ein Unterschied: der 
Traum dramatisiert, während der Mythus die Gestalt eines 
Epos trägt. Dennoch müssen beide die gleichen Rücksichten 
auf die technische Darstellbarkeit ihres Materials nehmen. 
Der Traum muß zum Beispiel für Abstraktes eine bildliche 
Darstellung finden. Zu diesem Zwecke werden mit Vorliebe 
sprachliche Wendungen wörtlich genommen. In einem von 
Freud mitgeteilten Traume will zum Beispiel die Träumerin 
ausdrücken, daß ein von ihr geliebter Musiker »turmhoch« 
über den anderen stehe. Im Traume sieht sie ihn im Konzert- 
saal auf einem Turme stehen und von dort aus dirigieren. 
Auch die logischen Relationen unserer Sprache sind als solche 
im Traume nicht darstellbar. Wir haben bereits früher er- 
fahren, wie der Traum die sehr wichtige Relation »gleichwie« 
durch Identifikation darstellt, und daß im Mythus dasselbe 
Verfahren nachweisbar ist. Eine andere solche Relation: 
»entweder — oder« findet sich im Traume in verschiedener 
Weise ausgedrückt. Eine Methode ist z. B. die Aneinander- 
reihung der verschiedenen Möglichkeiten, d. h, jede wird 
bildlich dargestellt und dann, wie zur Auswahl, neben die 
anderen gestellt. Auf einen anderen Weg bin ich kürzlich 
aufmerksam geworden. Der Träumer bringt die verschiedenen, 



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UND MYTHUS. 55 



durch ein Entweder — Oder gekennzeichneten Möglichkeiten 
in verschiedenen Traumen zum Ausdruck. Die Träume einer 
Wacht dienen erfahrungsgemäß immer der gleichen Wunsch- 
erfüllung; nach eigenen Erfahrungen scheint es mir, daß 
eine Reihe von Träumen in derselben Nacht nicht selten die 
verschiedenen Möglichkeiten der Wunsch erfuUung einander 
gegenüberstellt und somit einem Entweder — Oder entspricht. 
In einem Falle war mir diese Erklärung besonders einleuchtend. 
Eine Dame, die nahe vor ihrer Heirat stand, aber von ver- 
schiedenen Seiten starke Widerstände zu befürchten hatte, 
erzählte mir einmal fünf Träume, die alle einer Nacht ange- 
hörten. Ich konnte, vermöge genauer Kenntnis ihrer Lebens- 
verhältnisse, feststellen, daß in den fünf Träumen alle ver- 
schiedenen Zukunftsmögliehkeiten realisiert waren. Die Träu- 
merin verbarg sich respektive ihren Verlobten in jedem 
Traume hinter einer anderen Person ihrer Bekanntschaft, die 
sieh in einer dem Traume entsprechenden Lage befunden 
hatte. Sehr interessant war dabei die reichliche Verwendung 
infantilen Materials. Ganz ebenso verfährt nun das Volk in 
seinen Mythen. Auch das Volk stellt den gleichen Wunsch 
in verschiedenen Mythen dar. Wir lernen hier eine der 
Ursachen für die inhaltliche Verwandtschaft 
vieler Mythen kennen. Ist ein Wunsch von besonderer 
Stärke, so findet er in verschiedenen Mythen seinen Ausdruck, 
Jede einzelne Darstellung nimmt in neuer Weise Stellung zu 
ihm, gewinnt ihm eine neue Seite ab. Hier braucht nur etwa 
auf die beiden nebeneinander hergehenden biblischen Schöp- 
fungsgeschichten verwiesen zu werden. 

Ein zwischen zwei Elementen des Traumes bestehendes 
nahes Verhältnis wird häufig dadiirch ausgedrückt, daß diese 
beiden Elemente (oder ihre Symbole) im manifesten Traum- 
inhalt in ganz nahe Nachbarschaft gerückt werden. Dasselbe 
sehen wir im Mythus. In der Prometheussage finden wir den 
Bohrer stets in naher Nachbarschaft der Scheibe oder des 
Rades ; in der Genesis finden wir Schlange und Apfel ebenso 
nahe beieinander. Die Prometheussage zeigt uns ferner sehr 
schön, wie eine Person sich hinter mehreren Symbolen ver- 
bergen kann: Prometheus ist Bohrer und Blitz. Ein überaus 



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5$ TBAUM 

interessantes Beispiel dieser Art ist nnd in der Simsonsage 
begegnet. Der Selbstmord des Sonnengottes Simson wird da- 
durch dargestellt, daß der Sonnenheros Simson den Sonnen- 
löwen tötet. 

Die größten Ansprüche an die Darstellungsteclinik stellt 
aber die Umgehung der Zensur. Von der symbolischen Ver- 
kleidung haben wir schon im allgemeinen gesprochen. In der 
Sage von der Herabkuiift des Feuers finden wir symbolische 
Umschreibungen besonders für das männliche Zeugungsorgan 
und für die Zengimgefunktion. Wir werden dadurch an die 
Traumsymbolik erinnert. Der Bohrer, Stab oder ein ähnliches 
Instrument als Vertreter des männlichen Geschlechtsteiles ist 
ein im Traume häufiges Symbol, Die Traume weiblicher 
Personen, in denen sie von einem Manne erstochen werden, 
sind durchsichtige WunacherfüUungen. In anderen Träumen 
tritt das Schwert oder ein Baum oder eine durch ihre Form 
dazu geeignete Fflanzenart als männliches Symbol auf. 

Auch das weibliche Korrelat findet sich in der Sage. 
Es ist die Sonnenscheibe, oder das Sonnenrad, oder die Wolke, 
in deren Höhlung sich der Framantha, oder der Blitz oder 
der Donnerkeil bewegt; es ist auch offenbar die Höhle, in 
welcher sieh Agni verborgen hat. 

Das Feuer trat uns in der Prometheussage in drei Ge- 
stalten entgegen: als himmlisches Feuer, als irdisches Feuer 
und als Lebensfeuer. Im Traume bedeutet Feuer sehr oft 
das sexuelle Feuer, die Liebe. Da Prometheus der zeugende 
Gott ist, so dürfte wohl das Liebesfeuer als eine vierte Kom- 
ponente in Betracht kommen. 

X. Die Wunsch erffitlungen In der Prometheussage. 

Nachdem wir uns davon überzeugt haben, daß Traum- 
zensur und Traumarbeit im Mythus ihre vollkommenen Ana- 
loga finden, kehren wir zur Frage nach der Wunscherfüllung 
in der Prometheussage zurück. Es gilt zu ermitteln, was 
sich hinter der symbolischen Verkleidung verbirgt. Es wird 
sich zeigen, daß wir auch auf dieser Strecke unseres Weges 
der Führung durch Freuds Verfahren der Traumdeutung 
nicht entraten können. 



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UND MYTHUS. &7 



Einen Versuch in dieser Kichtung haben die Griechen 
selbst gemacht. Der Inhalt der Sage war ihnen selbst un- 
verständlich geworden; der Name des Helden ließ sich aber 
leicht ein wenig zurechtstutzen^ so daB man sich etwas unter 
ihm vorstellen konnte. So wurde aus dem Pramantha ein 
»Vorsorgender«. Eine solche halbgöttliche Figur konnte man 
— wenn der Ausdruck erlaubt ist — sehr gut gebrauchen. 
Ihr Vorhandensein kam einem allzeit aktuellen Wunsehe der 
Menschheit entgegen: dem nach einem fürsorgenden Wesen. 
In der Namensauslegung »der Vorsorgende« liegt ohne Zweifel 
ein Wunsch ausgedrückt. Wir wissen aber, daß dieser Sinn 
dem Mythus »sekundär« gegeben worden ist, und daß die 
Symbolik der Prometheussage gar nicht zu dieser Auslegung 
paßt. Wir werden dadurch an ganz analoge Verhältnisse in 
der Traumpsychologie erinnert. Nicht selten ist ganz an der 
Oberfläche eines Traumes ein Wunsch auf den ersten Blick 
erkennbar. Der Träumer ist in einem solchen Falle durch- 
aus bereit, diesen Wunsch als tatsächlich vorhanden anzu* 
erkennen. Es ist allemal ein ganz unverfänglicher Wunsch ,' 
Man fragt sich dann aber, zu welchem Zwecke in einem 
solchen Falle die Traumarbeit geleistet wurde, wenn doch 
der Wunsch, zu dessen Verschleierung die Trauraarbeit dienen 
sollte, offen zu Tage liegt. Stellt man nun eine genauere 
Analyse des Traumes an, so bemerkt man, daß sich hinter 
dem aktuellen Wunsche ein verdrängter verbirgt, der irgend 
eine Analogie mit dem ersteren aufweist. Der aktuelle Wunsch 
bildet gewissermaßen die oberste Schicht des Traumes ; unter 
dieser lagert ein verdrängter Wunsch. Damit ist die Deutungs- 
arbeit jedoch nicht beendet. In manchen Fällen gelingt es, 
mit aller Sicherheit noch eine dritte Schicht zu eruieren. 
Diese tiefste Schicht im Traume (wie in der Psychose) wird 
stets von den Kenuniszenzen infantiler Wünsche gebildet. 

Eine solche Schichtung kann man nun auch in der Pro- 
metheussage nachweisen. Wir wissen aus Kuhns Unter- 
suchung, daß die älteste Schicht des Mythus eine Identifi- 
kation des Menschen mit dem Feuer, der Entstehung des 
Menschen mit der Entstehung des Feuers darstellte. Die 
zweite Schicht entspricht einer späteren Anschauung, welche 



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58 TEAUM 



persönliche Götter kannte. In dieser Schicht des Mythus ist 
der Feuergott zugleich der Menschgott, von dem der Mensch 
erzeugt wird. In der dritten, jüngsten Schicht ist Pramantha 
nicht mehr der Erzeuger, sondern der Schöpfer des Menschen 
und sein »Yorsorger«. 

Die in der letzten Schicht enthaltene Wunsehphantasie, 
die ja klar zu Tage liegt, haben wir schon besprochen. Nach 
Analogie des Traumes dürfen wir erwarten, daß die beiden 
älteren Schichten auch je einen Wunsch verkörpern. Den 
Wunsch der zweiten Schicht kennen wir aber bereits. Der 
Mensch leitet seine Herkunft von einem göttlichen Wesen ab 
und ist infolgedessen selbst göttlich. Er identifiziert 
sich mit dem Pramantha. Wir konnten erweisen, daß sich 
darin eine ähnliche Tendenz ausspricht wie in den Kindheits- 
phantasien des Individuums, die wir aus dem Bestehen eines 
Größenkomplexes ableiteten. Der Wunsch der zweiten Schicht 
der Prometheu SS age wäre so zu präzisieren : Wir wollen als 
von einem göttlichen Wesen gezeugt und selbst als göttlich 
gelten; jeder von uns ist ein Pramantha. Ich weise darauf , 

hin, daß diese Phantasie eine unverkennbare sexuelle Kompo- I 

nente hat. Bildet aber das Sexuelle in der zweiten Schicht 
eine relativ untergeordnete Komponente, so finden wir in der 
tiefsten Schicht einen rein sexuellen Inhalt, eine klare Wunsch- 
erfüllung auf sexuellem Gebiete. Die zweite Schicht unter- 
scheidet sich von der ältesten durch eine weit vorgeschrittene { 
Sexualverdrängung . 

Die Symbolik der tiefsten Schicht ist unverkennbar 
sexuell; sie verleiht einem sexuellen Größenkomplex 
Ausdruck. Der Mensch identifiziert seine Zeugungskraft mit 
der Fähigkeit des Bohrers, in der Holzscheibe Feuer zu ent- 
flammen, mit dem Wirken des Bohrers am Himmel, des 
Blitzes. Die älteste Form der Prometheußsage ist 
euijae Apotheose der menschlichen Zeugungskraft. 

Wir haben uns früher bemüht, den Nachweis zu führen, 
daß die Sexualität im Wesen des Menschen den innersten 
Kern bildet. Es ist ein alter und verbreiteter Irrtum, daß 
das Kindesalter in sexueller Beziehung völlig indifferent sei. 
Ich sehe hier natürlich von Fällen abnormer sexueller Früh- 



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UND MYTHUS. 59 



reife ab. Namentlich durch Freuds^) Untersuchungen wer- 
den wir zu der Annahme gedrängt, daß es eine sexuelle Be- 
tätigung schon im frühen Kindesalter gibt, die freilich dem 
Kinde nicht als solche bewuBt wird und von der Sexual- 
betätigung des reifen, gesunden Individuums sehr abweicht. 
Sehr früh erwacht beim Kinde die sexuelle Schaulust, 
mit der sieh die Wißbegierde in bezug auf die Geschlecht s- 
unterschiede, die Zeugung etc. verbindet. Jedes Kind — das 
eine früher, das andere später — fragt: woher bin ich ge- 
kommen? Was das Kind in dieser Hinsicht erfährt, gibt 
seiner Phantasie reiche Nahrung. Das Interesse an den 
sexuellen Vorgängen erzeugt bei dem heranwachsenden Kinde 
eine Spannung wie nichts anderes. Eine unerwartet erhaltene 
Aufklärung hat gar nicht selten heftige G-emütsbewegmigen 
zur Folge. Ebenso rufen die ersten physiologischen Zeichen 
der sexuellen Reifung, die das Kind an sich selbst bemerkt, 
nicht selten Angst und Widerwillen hervor. 

Wir haben bereits wiederholt krankhafte Phantasie- 
gebilde aus infantilen Phantasien hervorgehen sehen. Wir 
fanden auch eigentümliche Analogien zwischen diesen krank- 
haften Produkten und den Mythen. Die aus kindlicher 
sexueller Schaulust und Wißbegierde hervorgegangenen Phan- 
tasien begegnen dem Arzte recht häufig, wenn er vermittels des 
psychoanalytischen Verfahrens in das Seelenleben von neuro- 
tischen und geisteskranken Personen eindringt. Ich ver- 
weise in dieser Hinsicht besonders auf Freuds^) Analyse 
eines Falles von paranoider Geistesstörung. Eine ganz außer- 
ordentliche Bedeutung kommt der sexuellen Wißbegierde im 
Bereiche der psychischen Zwangserscheinungen zu ; besonders 
gilt dies für den sogenannten Grübelzwaug. Kranke mit 
dieser eigentümlichen Affektion müssen über transzendentale 
Dinge, wie den Ursprung Gottes und der Welt, wider ihren 
Willen nachgrübeln, oder sie müssen sich den Kopf darüber 
zerbrechen, warum dies oder jenes in der Welt so ist und 
nicht anders. Ein Fall meiner eigenen Beobachtung, den ich 
hier in aller Kürze mitteilen möchte, wird erläutern, welche 



^) Drei Abhandlungen zur SexuaJtheorie. 

*) Vgl. Kleine Sefiriften zur Neurosenlelirc, Seite 124. 



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60 TRÄUM 



Bedeutung der infantilen sexuellen Schaulust bei neurotisch 
veranlagten Personen für die Erklärung dieser Zustände zu- 
kommt. 

Der Patient unterschied bei sich selbst zwei Arten von 
Zwangserscheinungen, erstens den Zwang zum Beten, zweitens 
den Zwang, jeden Gegenstand mit der größten Genauigkeit 
zu betrachten und dann über seine Entstehung, Herstellung, 
Znsammensetzung etc. nachzugrübeln. Er gab an, seit seiner 
Kindheit diesem Zwange unterworfen gewesen zu sein, der 
zwar manchmal für kürzere oder längere Zeiträume zurück- 
trat, aber doch stets wiederkehrte. Die Analyse ergab, daß 
er als Knabe zu einer ganzen Reihe von Malen versucht hatte, 
Personen, mit denen er das Schlafzimmer oder Bett teilte, 
zu entblößen. Sein ganzes Interesse konzentrierte sieh auf 
den Anblick der Genitalien und des Gesäßes, auf die Ent- 
stehung des Kindes sowie auf die vorausgehenden Vorgänge. 
Wegen der gewaltsamen Versuche, mit denen er diese dem 
Grade nach zweifellos krankhafte Wißbegierde zu befriedigen 
versuchte, machte er sich heftige Vorwürfe und begann daher 
zu Gott zu beten, er möge ihn doch einen braven Menschen 
werden lassen. Das Beten erhielt rasch den Charakter des 
Zwangsmäßigen ; er sehrieb sieh Zettel mit ganzen Litaneien 
voll und las sie, so oft er konnte. Er hatte große Angst, 
auch nur ein Wort auszulassen. Mit dem Beten zugleich 
entwickelte sich das zwangsmäßige Betrachten der Gegen- 
stände. Es ließ sich feststellen, daß der Patient das Studium 
aller möglichen indifferenten Objekte an Stelle des für 
sündhaft gehaltenen Betrachtens gewisser Körperteile gesetzt 
hatte. Dabei interessierte ihn besonders die Rückseite der 
Gegenstände und der Prozeß ihrer Entstehung, Durch das 
Nachdenken über die Entstehung indifferenter Objekte suchte 
er ein Gegengewicht gegen das Kachdenken über die Ent- 
stehung des Menschen zu schaffen. Der Angstaffekt wurde, 
wie es in solchen Fällen stets geschieht, auf indifferente Vor- 
stellungen »transponiert«,*) Was jedes heranwachsende Kind 
in hohem Grade und diesen Knaben in abnormem Grade be- 



^} Vgl. Samoiluiig kleiner Sclirlfteji zur Neuro8*nlehre, besonders 
Seite 118 1. 



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UND MYTHUS. Sl 



schäftigte, das ist das gleiche Thema, welches in der Mytho- 
logie als Anthropogonie bezeichnet wird. 

Die Zeugung des Menschen, die Entstehung eines neuen 
Lebewesens bietet so viel Rätselhaftes, daß diese Vorgänge 
schon deshalb von allem Anfang an das besondere Interesse 
des Menschen auf sich ziehen nnd zur Mythenbildung 
reiche Anregung geben mußten. Einem Zeitalter, das 
einer naturwissenschaftlichen Betrachtung noch fern stand, 
mußte die Zeugung wie ein Zauber erscheinen. Dieser An- 
nahme können wir noch eine wichtige Stütze geben. Überall 
in der Mythologie, im Wunderglauben etc. spielt der Zauber- 
st ab eine große Rolle. Es kann aber (aus Gründen, die ich 
an dieser Stelle nicht erörtern kann) keinem Zweifel unter- 
liegen, daß der Zauberstab nur eine symbolische Vertretung 
des männlichen Genitale bedeutet. Ein ganz ähnliches Symbol, 
der in der hölzernen Scheibe bohrende Stab, ist nun der 
Mittelpunkt der ältesten Form der Prometheussage. Ich habe 
bisher auf eine sehr merkwürdige Eigentümlichkeit der Pro- 
raetheussage noch nicht verwiesen; daß sie eine rein männ- 
liche Sage ist. Der zeugende Mann tritt in ihr sowohl in 
persönlicher Gestalt (Pramantha) als auch symbolisch auf. 
Das Weib wird nur durch das Symbol der hölzernen Scheibe 
vertreten und wird in der Sage nur ganz nebenbei erwähnt. 
Wir waren vorhin zu dem Ergebnis gelangt, daß die Pro- 
metheussage in ihrer ältesten Schicht eine Apotheose der 
Zeugungskraft sei. Hier erfährt diese Anschauung eine voll- 
gültige Bestätigung. Die Prometheussage in ihrer ältesten 
Form hat die Tendenz, die männliche Zeugungskraft als 
Prinzip alles Lebens zu proklamieren. Das ist der sexuelle 
Größenwahn alles Männlichen bis auf diesen Tag, 

XL Analyse des Mythus von der Herabkunft des 

Göttertranks. 

Mit der Sage von der Herabkunft des Feuers, die wir 
nunmehr mit größerem Rechte als eine Sage von der Zeugung 
bezeichnen dürfen, ist die Sage von der Herabkunft des 
Göttertranks eng verknüpft. Wir haben hierauf schon einige- 
mal verwiesen, sind aber auf eine Analyse dieses Mythus 



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62 TKAÜM 



bisher nicht eingetreten. Nach früheren Erfahrungen dürfen 
wir erwarten, daß zwei Sagen, welche in engen Beziehimgen 
zueinander stehen, auch in ihrer Tendenz übereinstimmen 
werden. Zur Analyse der Göttertrankmythen dient uns 
wiederum Kuhns grundlegende Schrift als Wegweiser. An 
einer bestimmten Stelle werden wir freilich eigene Wege be' 
treten müssen. 

Der Göttertrank wird in den ältesten indischen Quellen 
Amrta, in den späteren Soma, im Zendavesta Haoma be- 
nannt. Aus der griechischen Mythologie sind die Bezeichnun- 
gen Nektar und Ambrosia allgemein bekannt. Dem Götter- 
trank werden verschiedene wunderbare, geheimnisvolle Wir- 
kungen zugeschrieben: er belebt, er begeistert, er verleiht 
Unsterblichkeit. Die letztere Eigenschaft kommt in »Amrta« 
und in dem etymologisch entsprechenden »Ambrosia« klar 
zum Ausdruck; auch in »Nektar« ist ein ähnlicher Sinn ent- 
halten. 

Soweit unsere Überlieferungen zurückreichen, stellten 
alle Völker berauschende Getränke her, deren Genuß die all- 
bekannten trügerischen Gefühle hervorruft. Der Mensch fühlt 
sich belebt, begeistert, gehoben ; zugleich verleiht der Trank 
ihm ein erhöhtes Wärmegefühl und erregt seine sexuelle Be- 
gierde. Die Kulte des Dionysos tragen stets zugleich einen 
erotischen Charakter. Das Getränk ruft im Menschen also in 
doppeltem Sinne Feuer hervor: Wärme und Liebesfeuer. Man 
gewann den berauschenden Trank durch Auspressen bestimmter 
Pflauzenarten. Diese treten im Mythus als Somapflanzen auf. 
Uns interessiert unter diesen Pflanzen besonders die Esche 
(respektive Eberesche), derselbe Baum, dessen Holz zur Feuer- 
erzeugung dient. Aus seinen Zweigen wird ein Saft gepreBt, 
welcher als Soma bezeichnet wird. 

Neben dem irdischen Soma kennt nun der Mythus den 
himmlischen Soma, und beide werden miteinander identifiziert, 
ganz wie wir es mit dem irdischen und himmlischen Feuer ge- 
schehen sahen. Auf Erden werden Soma und Feuer von der 
Esche gewonnen. Wie nun nach der Prometheussage das 
himmlische Feuer an der Weltesohe (dem Wolkenbaum) 
entzündet wird, so entstammt auch der himmlische Soma 



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UND MYTHUS. 08 



der Weltesche, Er wird durch Bohren im Hol^e der Welt- 
esche (d, h. in der Wolke) hervorgerufen. Der irdische Soma 
ist ein von der himmlischen Esche herabgekommener himm- 
lischer Soma. Ein Vogel, der in den Zweigen der Esche 
nistet, hat ihn zur Erde getragen. Die Analogie mit der 
Feuersage ist hier ganz eklatant. Wie das himmlische Feuer 
Sonnenglut und Blitz umfaßt, so ist auch der himmlische 
Soma mehrdeutig ; er ist gleichzeitig Tau und Regen und 
wird weiter noch zum Trank der Götter. Der Wolken- 
baum wird in gewissen Mythen genauer geschildert. Seine 
Wurzeln stehen in Seen j an seinem Fuße entspringen Quellen, 
die als Regen zur Erde niedergehen. Von den Zweigen fällt 
der Tau hernieder.*) 

Wir haben früher festgestellt, daß in derältesten Schicht der 
Prometheussage die Entzündung des irdischen und des himm- 
lischen Feuers nur zur symbolischen Vertretung des Zeugungs- 
vorganges dient. Wir können mit Recht annehmen, daß auch der 
irdische und der himmlische Soma die symbolische Vertretung 
für ein Drittes bilden, das uns allerdings noch unbekannt ist. 
Obgleich die Deutung nahe liegt, ist Kuhn an ihr vorüber- 
gegangen. Wir müssen daher über Kuhns Analyse hinaus- 
gehen, um uns über die dritte und wichtigste, weil ursprüng- 
liche Bedeutung des Soma Aufschluß zu verschaffen. 

Der himmlische Soma wird durch Bohren in der Wolke 
— also durch einen symbolischen Zeugungsakt — gewonnen. 
Ea seheint mir darum ein naheliegender Schluß zu sein, im 
Soma eine symbolische Vertretung des menschlichen Samens 
zu erblicken. Der Samen hat eine belebende und unsterblich- 



') Eine andere in den indogermanischen Mythen nachweisbare Tor- 
stellung sah in den Wolken ein Jagendes Roß, von dessen Mähne der Tau 
zur Erde rinnen sollte. Aus diesem Wolkenroß, dem Träger des begeiBtemden 
Soma, ging Ln dei* griecliiacljen Mythologie das Flügelroß Pegaeuä herTor, 
Anderseits wurden ans den jagenden Wolken die verfolgenden Erinyen ge- 
gtaltet. Ebendaher rühren die Sagen vom wilden Heer etc. in der germani- 
Bchen Mythologie. — Die Vorstellung, daß eine Wolke die andere jagt und 
zu greüen sucht, finden wir in eiuem modernen Gemälde < — Heuernte von 
Segautini — wieder. Eaiet sehr bemerkenswert, dafi die Phantasie eines 
Künstlers, dessen Werke die Idee von der Einheit der Natur verkörpern, die 
gleiche Richtung nimmt wie die Phantasie der: Völker in vorhistorischer Zeit. 



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64 TKAUM 



machende^ weil fortpflanzende Wirkung. Er wirkt befruchtend, 
wie der himmlisclie Soma, der als Tau und Regen zur Erde 
fällt. Wir vermögen nun zu begreifen, warum die Sagen von 
der Herabkunft des Feuers und des Göttertranks so eng mit- 
einander verknüpft sind. Der zeugende Körperteil und der 
Samen lassen sich voneinander eben nicht trennen. 

Dieser ältesten Schicht des Mythus, deren sexueller Sinn 
klar zu Tage tritt, lagert sich — ganz wie in der Feuersage — 
eine zweite Schicht auf. Sie unterscheidet sieh auch in diesem 
Falle von der ersten durch die Personifikation der 
Naturphänomeue, d. h. durch das Auftreten menschen- 
ähnlicher Göttergestalten, sodann aber durch eine intensive 
Sexualverdrängung. Wir begegnen einem halbgöttlichen 
Wesen, das den Namen Soma trägt. Soma ist ein Genius der 
Kraft und der Zeugung; unsere Annahme von der eigent- 
lichen Natur des Soma erfährt hier eine volle Bestätigung. In 
gewissen Mythen tritt an Somas Stelle der uns bekannte Agni. 

Es ist von großem Interesse, hier einen griechischen 
Mythus heranzuziehen, in welchem sich die Vorstellung von 
der Entstehung des Göttertranks durch Bohren erhalten 
hat, zumal er uns das Verständnis der jüngsten Schicht der 
Somasage ersehließt. Zeus wünscht zu Persephone zu ge- 
langen, welche im Wolkenberg verborgen ist. Er verwandelt 
sich zu diesem Zwecke in eine Schlange und bohrt sich in 
den Berg hinein. Diese Sexualsymbolik ist uns ohne weiteres 
verständlich. Aus der Verbindung des Zeus und der Perse- 
phone geht Dionysos hervor, der Gott des Weines, eine 
Personifikation des Göttertranks. Dionysos wird von den 
Hyaden gesäugt; diese sind als Regengöttinnen ebenfalls eine 
Personifikation des himmlischen Soma; als Sternbild beherr- 
schen sie die Regenzeit. 

Dem Zeus der griechischen Mythologie entspricht der 
Indra der indischen. Auch er ist der Gott des heiteren, un- 
bewölkten Himmels. Auch er übernimmt eine wichtige Rolle 
in der Somasage, Er wird zum Somaräuber. Wie in der 
dritten Schicht der Prometheussage Matarichvan den Agni, 
so holt Indra den Soma aus einer Höhle, in der ihn die 



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UND MYTHUS. SS 



Gandharven ^) bewachen. Diesen Raub führt Indra in Gestalt 
eines Falken aus. In manchen Sagen wird der Somaraub aber 
auch dem Agni zugeschrieben, der ebenfalls Vogelgestalt an- 
nimmt. Agni war uns früher als feuerraubender Vogel be- 
gegnet. Nun lernen wir ihn auch als Somaräuber kennen und 
haben darin eine bemerkenswerte Identifikation vor uns. Der 
Falke muß mit den Gandharven um den Besitz des Soma 
kämpfen. Im Kampfe verliert er eine Feder, die zur Erde 
fällt und si(}h in die Somapflanze verwandelt. Einer ganz 
ähnliehen Geschichte waren wir schon bei der Analyse der 
Prometheussage begegnet. Ganz wie die letztere, so ist auch 
die Somasage in ihrer dritten Schicht derart entstellt^ daß 
der manifeste Inhalt des Sexuellen ganz entbehrt. 

Wir müssen auf die Bedeutung der Somapflanze noch 
weiter eingehen und werden auf diesem Wege neue Beweise 
für die Identität des Soma mit dem menschlichen Samen 
finden. Der Zweig des Somabaumes^ eine symbolische Ver- 
tretung des männlichen Gliedes, besitzt wunderbare Eigen- 
schaften. Er liefert nicht nur den Somatrank; er dient viel- 
mehr den verschiedensten Gebräuchen und Zeremonien, Von 
der Eberesche wird die sogenannte Wünschelrute geschnitten, 
die unter anderem zum Auffinden unterirdischen Wassers 
dient. Nach uraltem Brauehe schlugen im Frühjahr die Hirten 
das Vieh mit einem Zweige der Eberesche, um die Frucht- 
barkeit und den Milchertrag zu erhöhen. Der Zweig des 
Somabaumes kehrt auch im Zauberstab wieder, desgleichen 
im Hermesstab und im Thyrsosstab, mit welchem Dionysos 
Wein aus dem Felsen schlägt. Schon früher haben wir die 
biblische Erzählung erwähnt, in der Moses mit seinem wun- 
dertätigen Stabe Wasser aus dem Felsen schlägt ; die sym- 
bolische Bedeutung dieses Stabes wird noch klarer, wenn wir 
daran erinnern, daß er sich vor Pharaos Augen in eine 
Sehlange verwandelt,*) 

') Kuhn hat ia fixier beaonderen Schrift erwiesen, daß aus den Qan- 
dharren, einem Dämoneageschlecht, di« Eent&uren der griechlachen 8age her- 
vorgegangen sind. 

*) Der VorgaJig der Erektion hat die Phantasietätlgfceit offenbar in 
außerordentlichem Orad« angeregt; die Verwandlung des Stabes (Phallus) 
in die Schlange bedeutet die Rückkehr des Phallus in den erschlafften Zustand, 



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66 TEAUM 



Von den überaus mannigfaltigen Funktionen der Eache 
in den Mythen und Gebräuchen muß uns noch eine besonders 
interessieren. Aus Esehenholz wurde der Stößel hergestellt^ 
dessen man sich zur Bereitung der Butter bediente. Dieses 
Holz schützte nämlich gegen allerhand Hexerei, der man 
beim Buttern besonders ausgesetzt zu sein glaubte. Nach den 
vorhandenen Quellen kann es nun keinem Zweifel unterliegen, 
daß der Vorgang der Butt erber eitung ganz wie der der 
Feuerbereitung mit dem Zeugungsakt verglichen und sym- 
bolisch an seine Stelle gesetzt wurde, daß ferner das Produkt, 
die Butter, mit dem Samen wie auch mit dem Soma ver- 
glichen respektive identifiziert wurde. Eine Erzählung des 
Mahabbarata schildert die Entstehung des Soma als einen 
der Butterbereitung durchaus analogen Vorgang; ich gebe sie 
im Anschluß an Kuhn^) verkürzt wieder. Die nach dem 
Amrta verlangenden Götter und die Asura (böse Dämonen) 
nehmen den Berg Mandara als Butterstock, um mit ihm den 
Ozean zu quirlen. Indra legt die Schlange Vasuki als Strick 
um den Berg, und nun beginnen Götter und Asura zu ziehen. 
Aus dem Rachen der gezogenen Schlange fliegen Rauch 
und Flammen hervor, die sich in dichten Wolken sammeln 
und Blitze und Regen auf die Götter herabsehütten. Zugleich 
entzünden sich, indem der Berg so herumgewirbelt wird, die 
auf seinem Gipfel stehenden, aneinander geriebenen Bäume, 
und das so entstandene Feuer umhüllt den Berg wie Blitze 
die dunkle Wolke. Dies Feuer löscht Indra mit Wolken wasser, 
und es fließen alle die Säfte der gewaltigen Bäume und 
Pflanzen ins Meer, und aus seinem so mit den trefflichsten 
Säften gemischten Wasser, welches zur Butter gerinnt, erhebt 
sich der Soma, der in dieser Sage mit dem Monde identifiziert 
wird, nach ihm verschiedene andere mythische Wesen, und 
zuletzt kommt Dhanvantari hervor, einen weißen Krug haltend, 
in dem sich das Armta befindet. Götter und Asura kämpfen 
um dieses, und die ersteren siegen. 

Die alten indischen Epen enthalten noch mehrere andere 
Darstellungen von der Gewinnung des Armta. Keine der- 



') Kuhn, Die Herabfcunft dra Feuers, 188fi, S. 219. 



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UND MYTHUS. 67 



selben, spricht gegen die von mir angenommene Bedeutung 
des Soma. Jede der drei Schichten, welche wir in der Sage 
nachweisen konnten, enthält eine Wunscherfüllimg, welche 
derjenigen in der entsprechenden Schicht der Prometheus- 
sage durchaus analog ist. Wie dort die Zeugung oder das ihr 
dienende Organ, so erfährt hier ursprünglich der Same seine 
Apotheose. Unter Verdrängung des sexuellen Inhalts der Sage 
wird der Same allmählich in den Göttertrank umgewandelt. 
Er wird zur Gabe eines gütigen Gottes an die Menschen. 
Die Sage vom Soma macht also die gleichen Umwandlungen 
durch wie die Prometheussage und läuft wie diese in eine 
aktuelle, nicht sexuelle Wunscherfüllung aus. 

XII. Die Wunschtheorie des Mythus. 

Ich habe versucht, auf Grund psychologischer Betrach- 
tung eine Theorie der Entstehung des Mythus zu geben, und 
ihr durch eingehende Analyse von Beispielen eine Stütze zu 
verleihen. Es wird nun Zeit, das Verhältnis der hier ver- 
tretenen Anschauungen zu anderen mythologischen Theorien 
zu erörtern. 

Die älteste und, wie ich glaube, heute noch populärst© 
Theorie nimmt an, daß der Mythus der bildliehe Ausdruck 
philosophisch-religiöser Ideen sei. Nach allgemein verbreiteter 
Anschauung sollen Ideen dieser Art sozusagen das Eundament 
des menschlichen Seelenlebens bilden. Ich kann mich dieser 
Anschauung nicht anschließen. Ebensowenig wie das Kind 
mit einer altruistischen Ethik zur Welt kommt, ebensowenig 
ist anzunehmen, daß die Menschen der vorhistorischen Zeit 
philosophische oder religiöse Ideen in sich trugen und diese 
nachträglich in Mythen symbolisierten. Ein ungemein lang- 
wieriger Prozeß der Verdrängung war erforderlich, ehe eine 
solche Ethik zum festen Besitz eines Volkes wurde, und dieser 
Verdrängungsprozeß muß sich im kleinen bei jedem Indi- 
viduum noch heute wiederholen. Unsere Analyse der Pro- 
metheussage hat ergeben, daß der einzige Bestandteil, welcher 
wie eine ethisch-religiöse Idee erscheint — d. h. die Auf- 
fassung des Prometheus als eines vorsorgenden Wesens — , 
ganz nebensächlicher, sekundärer Natur ist, während Ideen und 

5* 



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6S TRAUM 



Wünsche ganz anderer Art sich als eigentliche Basis der Sage 
herausstellten. Wie Freud es für die Oedipussage erwiesen 
hat, so glaube ich für die Prometheusaage den Nachweis ge- 
führt zu haben, daß sie ihren Ursprung nicht aus einer ethi- 
schen, religiösen oder philosophischen Anschauung, sondern 
aus der sexuellen Phantasie dea Menschen genommen hat. Die 
ethisch-religiösen Bestandteile des Mythus fasse ich als spätere 
Auflagerungen, als Produkte der Verdrängung auf. Auch die 
anderen Sagen, auf die ich leider nicht so ausführlich ein- 
gehen konnte, scheinen mir durchaus zu Gunsten dieser Auf- 
fassung zu sprechen. 

Als vor 50 Jahren durch Kuhn die vergleichende Mytho- 
logie inauguriert wurde, brach die junge Wissenschaft mit 
der alten Anschauung von der Entstehung der Mythen, Mit 
besonderer Bestimmtheit brachte z.B. Delbrück^) den Um- 
schwung der Meinungen zum Ausdruck. Er erklärte, jeder 
Mythus gehe auf eine Natur anschauung zurück. Der Mythus 
sollte ein naiver Versuch zur Erklärung eines Naturphänomens 
sein. Man erkannte jetzt dem Mythus eine Entwicklung zu 
und verglich die einzelnen Sagen mit inhaltsv erwandten Sagen 
anderer Völker. 

Eine moderne Theorie will alle Mythen der semitischen 
und indogermanischen Volker auf eine Quelle zurüekfüUren : 
auf die Betrachtung der Gestirne. Die neueren Forschungen 
haben ergeben, daß Babylonien die Heimat der Sternkunde 
ist, und daß sehr viele Mythen auf babylonische Quellen 
weisen. Dies ist die sogenannte Astraltheorie. Äur Orien- 
tierung sei auf eine kurze Schrift von Winckler^) verwiesen. 

Wenn man als Quelle jedes Mythus eine Natur anschauung 
annimmt, wenn man speziell in ihm den Ausdruck einer astro- 
nomischen Anschauung erblickt, so bleibt eine solche Theorie 
doch in einer Hinsicht unbefriedigend. Sie gibt uns keinen 
Einblick in die Motive der Mythenbildung. Sie berücksichtigt 
nicht die Egozentrizität aller Phantasiegebilde des Mensehen. 

^) Delbrück, Die Entstebung des Mythus bei den indogemianißcheD 
Völkern, Zeitsöhr. für VölkerpsychoL n, Sprachwissenschaft, Bd. 3, 1866. 

') Winckler H., Himmels- und Welteabild der Babylonier als Grund- 
lage der Weltanschauung und Mythologie aller Völker, In »Der alte Orients 
Leipzig 1902. 



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UND MYTHUS. m 



Wohl mögen astronomische Anschauungen einen mächtigen 
Einfluß auf die Ausgestaltung der Mythen gehabt haben, 
aber ihre Bedeutung kann nur eine sekundäre sein. Auch 
in den Traum gehen Beobachtungen, die der Träumer in der 
Außenwelt macht, als Material ein ; sie scheinen sogar, wenn 
man eine genaue Analyse unterläßt, den wesentlichen Inhalt 
des Traumes auszumachen. Der Träumer hat dieses Material 
benützt, weil er in ihm Analogien zu seinem »Ich* fand; es 
dient ihm zur symbolischen Verhüllung seiner Wunschphanta- 
sien. Zu dem gleichen Zwecke benützt das Volk astronomi- 
sche Anschauungen. Es projiziert seine Phantasien 
an den Himmel. Im Mittelpunkte seiner Mythen 
steht das Volk selbst; es erlebt in ihnen die Er- 
füllung seiner Wünsche. 

Die Wunschtheorie des M y t h u s laßt sich unschwer 
zu einer Wunschtheorie der Religion erweitern. Die ur- 
sprüngliche Identifikation des Menschen mit seinem Gotte ist 
im Mythus und in der Religion unkenntlich geworden. Durch 
einen langwierigen Verdrängungsprozeß sind die monotheisti- 
schen Völker dazu vorgedrungen, sich ihrem Gotte als ihrem 
Schöpfer unterzuordnen. Wenn allmähliche, große Umwälzun- 
gen dazu geführt haben, daß man den einzigen Gott als 
einen Vater der Menschen betrachtet — nicht mehr im Sinne 
des zeugenden, sondern des sorgenden Vaters — , so liegt 
darin nur wieder eine Wunschphantasie, welche im Infantilen 
wurzelt. Es ist die gleiche Wunschphantasie, der zu Liebe 
die Griechen ihren Prometheus als den »Vorsorgenden« aus- 
legten. Der Mensch wünscht sich eine sorgende Vorsehung; 
er projiziert diesen Wunsch an den Himmel : dort muß ein 
für alle Menschen sorgender Vater wohnen. Ebenso deutlich 
kommt der Madonnenkultus einer im Infantilen wurzelnden 
Wunschphantasie entgegen. Die sorgende Mutter, die dem 
Kinde in allen Nöten zur Seite stand, will auch der Er- 
wachsene in den großen Nöten des Lebens nicht entbehren. 
Darum überträgt er seine erhalten gebliebenen Kindheits- 
phantasien auf die Himmelskönigin. Nichts als Erfüllungen 
von Wunschphantasien sind alle Anschauungen vom Fort- 
leben nach dem Tode, ob die Phantasie sich nun ein Jenseits 



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70 TRAUM 



im Sinno dea Christentums oder eine Stätte sinnlich&r Freu- 
den im Sinne des Islam ausmalt. 

Ich habe mit Hilfe der Wunschtheorie der Entstehung 
und den Wandlungen des Mythus ein^e Erklärung gegeben. 
Es erübrigt, einiges über das Vergehen der Mythen 
hinzuzufügen. Daß Mythen verschwinden, ist eine hinlänglich 
bekannte Tatsache, die für uns eine neue Analogie mit dem 
Traume in sich achließt. Jeder Traum geht regressive Ver- 
änderungen ein, deren Tempo bald schneller, bald langsamer 
ist. Es findet aber kein absolutes Vergessen statt, sondern 
die Traumgedanten mit ihrem Beiwerk kehren in die Ver- 
drängung zurück. So kommen auch Zeiten, da das Volk seine 
Mythen vergißt. Denn bei jedem Volke bricht eine Zeit an, 
da es sich der Traditionen entledigt, da an die Stelle der 
alten Phantasiegebilde eine nüchterne Denkweise tritt. Diese 
Entwicklung wird gefördert einmal durch fortschreitende Er- 
kenntnis der Naturgesetze, sodann auch durch eine all- 
gemeine Situation des Volkes, welche seinen Größenkomplex 
befriedigt. An diesem Rückbildungsprozeß beteiligen sich auch 
die anderen Phantasiegebilde des Volkes und nicht zum 
mindesten die Symbolik der Sprache. Die Sexualsymbolik der 
Sprache erfährt kaum mehr einen neuen Zuwachs, während 
die vorhandenen Symbolismen verschwinden. Am weitesten 
ist in dieser Hinsicht die englische Sprache »vorgeschritten« 
— wir werden richtiger »rückgebildet« sagen. In ihr sind die 
Geschlechtsunterschiede bis auf geringe Spuren verwischt. 
Die sprachliche und mythische Symbolik sind offenbar keine 
adäquate Ausdrucksform für den modernen Volksgeist, speziell 
nicht für den englischen. Praktische Erfolge machen Wunsch- 
phantasien entbehrlich. Anders verfährt ein Volk, wenn 
es von der Realisierung des nationalen Größenkomplexes 
weit entfernt ist. Typisch ist das Beispiel der Juden. Sie 
haben durch lange Zeiträume die Wunschphantaaien aus 
der Kindheit des Volkes bewahrt. Man denke an den Wunsch- 
traum vom auserwähltea Volke und vom Gelobten Lande. 

Die moderne Naturwissenschaft bezeichnet mit dem 
Namen des »biogenetischen Grundgeset zes« die Er- 
fahrungstatsache, daß die Entwicklung des Individuums eine 



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UND MYTHUS. 71 



auBimarische Wiederholung der Entwicklung der Art vor- 
stellt. In langen Zeiträumen der Phylogenese haben sich bei 
jeder Art ganz allmählich vielerlei körperliche Veränderungen 
vollzogen. Alle Bolchen Entwicklungsstadien muß auch das 
Individuum in seiner Entwicklung durchlaufen. Auch auf 
geistigem Gebiete vollzieht sich beim Einzelwesen ein Vor- 
gang, der die phylogenetische Entwicklung wiederholt. Wir 
haben mannigfache Erscheinungen kennen gelernt, die dem 
geistigen Leben der Gesamtheit und dem des Individuums 
gleichermaßen eigen sind. Die für uns wichtigste Parallele 
aber ist diese; Das Volk verarbeitet in vorhistorischer Zeit 
seine Wünsche zu Phantasiegebilden, die als Mythen in das 
historische Zeitalter hinüberreichen. Ebenso schafft das In- 
dividuum in seiner »vorhistorischen Periode« aus seinen Wün- 
sehen Phantasiegebilde, die in den Träumen der »historischen« 
Zeit persistieren. So ist der Mythus ein erhalten ge- 
bliebenes Stück aus dem infantilen Seelenleben 
des Volkes und der Traum der Mythus des Indi- 
viduums. 

XIII. Die determinierenden KrSfte im Seelenleben des 
Individuums und der Gesamtheit. 

Die analytische Forschung, deren Prinzipien in den 
Werken Freuds enthalten sind, erstreckt sich auf Phänomene 
des normalen und des krankhaften Seelenlebens, der Indi- 
vidual- und der Völkerpsychologie. Auf allen diesen Gebieten 
gelingt ihr der Nachweis, daß Jedes psychische Phänomen 
durch bestimmbare Ursachen determiniert ist. Der Glaube an 
Eingebungen bedarf heutzutage nicht mehr der Widerlegung. 
Nach einer anderen Seite muß sich die Abwehr richten. Es 
ist eine » verbreitete, ja sogar wissenschaftlich verfochtene 
Anschauung, daß im Bereiche des Psychischen der Zufall 
herrsche. Man weigert sich, für all die tausend Vor- 
kommnisse des täglichen Lebens, für Einfälle, Irrtümer, Ver- 
gessen etc., für den Inhalt der Träume, für die individu- 
ellen Äußerungen einer Geistesstörung eine Determination 
durch bestimmte psychische Faktoren anzuerkennen. Man ver- 
harrt damit auf einem alten, dualistischen Standpunkt, Man 



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Inhaltsübersicht. 



Seite 
1. Objekte und Gesichtspunkte der psychoanalytischen Forschung 

nach Freud ,,,,,,,., ,..,.,,. 1 

IL Die EindheitsphantaaioD im Traume und im Mythus. Ühertragung 

der Wunschthcorie auf den Mythus ,,,,......... 3 

III. Die Symbolik in der Sprache, im Traume und in den ajideren 
Fliantasiegebildeu , , , 11 

IV. Analyse der Proraetheussage 26 

V. Die InfantjUsmen in der Individual- und Völkerpsychologie, Ego- 
zentrizität im Traume, Wahn und Mythus ,,.,,,.,.,» 31 

TL DieWirkungen der Zensur in Traum und Mythus. Die Verdichtungs- 
arbeit ,.,...,.,.. 42. 

VII. Verschiebung und sekundire Bearbeitung in Traum und Mythus, 46 
VIII. Die Wirkungen der Verachiebungsarbeit in den Sagen von Pro- 
metheus, Moses, SEmson ...>...;...>....... 48 

IX. Die Därstellung^mittel des Mythus .,..,,>.#■■•.. 54 

X. Die Wunacherfüllungen in der Prometheussage , ö6 

XI. Analyse des Mythus von der Herab kunft des Göttertranks ... 61 

XII. Die Wunechtheorie des Mythus , , , 6T 

XIII. Die determiuierenden Kräfte im Seelenleben des Individuums und 

der Gesamtheit ..,,......,,.. 71 



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